Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Über die sociale Hülfsarbeit der Volksschullehrerinnen rc. 343 
der nationalen Eigenart, wie sie nur durch stärkere Pflege der nationalen 
Bildungselemente gewonnen werden kann. Die Rednerin fordert daher, daß 
auch die höheren Schulen so ausgestaltet werden, daß sie den Charakter einer 
deutschen Schule tragen. Als selbstverständlich sieht es die Rednerin an, daß 
alle Stufen der Einheitsschule bei den Geschlechtern in gleicher Weise offen 
stehen; dann erst wird die Frage nach der Verschiedenheit der Geschlechter eine 
wissenschaftliche Antwort finden. Die zukünftige Entwicklung der Volksschule in 
pädagogischer, hygienischer und sittlicher Beziehung hängt davon ab, ob sie die 
Bildungsstätte für die Kinder des gesamten Volkes wird. Die Diskussion war 
eine sehr eingehende und zeigte die völlige Übereinstimmung der Versammlung 
mit den Ausführungen der Rednerin. 
Die Tagesordnung brachte ferner Berichte der Centralstelle für Rechtsschutz, 
für Statistik, für Propaganda. Fräulein Steller, Danzig, berichtete über die 
Thätigkeit des sozialen Ausschusses. Fast der dritte Teil aller Volsschullehrerinnen 
ist an der sozialen Hilfsarbeit beteiligt. An die noch unthätigen Kolleginnen 
richtete Frl. Stelter Worte ernster Mahnung. Ferner beschloß die General 
versammlung die Gründung einer wirtschaftlichen Hilfskasfe. M. C—n. 
Über die sociale Hülfsarbeit der Volksschullehrerin und 
ihre Hindernisse 
fand auf der 5. Generalversammlung des westfälischen Provinzialvereins preußischer 
Volksschullehrerinnen in Gelsenkirchen ein beachtenswerter Vortrag statt, der manche 
beherzigenswerte Mahnung für den ganzen Lehrerstand enthielt. Die Notwendigkeit 
der socialen Hülfsarbeit ergiebt sich aus zwei Gründen: Kein Stand hat einen 
solchen Einblick in Schul- und Familienerziehung wie der Lehrstand, und in 
demselben haben die Lehrerinnen vor den Lehrern das Verständnis für Frauen 
pflichten und Frauenarbeit voraus. Zum andern ist in vielen Familien der 
mütterliche Einfluß so unzureichend, daß bei der Erziehung der Kinder, namentlich 
der Mädchen, ein von außen kommender weiblicher Einfluß Ersatz schaffen muß. 
Der natürlich st e Anfang socialer Arbeit ist für die Lehrerinnen 
die Sorge für gefährdete Kinder der eigenen Klasse, die Voraus 
setzung dafür die warme, persönliche Teilnahme. Nur wer die 
Not eines Kindes mit eigenen Augen im Elternhause gesehen, 
wenn sie selbst einmal wehe gethan hat, der sucht mit Ernst 
Wege zur Abhülfe. Wenn nun auch die Nötigung zu dieser Arbeit von 
innen heraus kommen muß, so ist es doch für jeden, der einmal anfängt, weiterhin 
unbedingt nötig, seine Hülfe möglichst praktisch und planmäßig zu gestalten. Dies 
geschieht am besten durch Meinungsaustausch mit andern und Anschluß an Personen 
oder Vereine, die in gleicher Arbeit stehen (Pfarrhaus, Gemeindeschwestern, 
Kolleginnen, Frauenvereine, Armenpfleger). Sehr wichtig ist das Studium socialer 
Schriften und das Lesen von Fachzeitungen, in denen Veranstaltungen anderer 
Orte zur Kenntnis gebracht werden. Geeignet für diesen Zweck ist die Bibliothek 
des ,.Ausschusses für sociale Hülfsarbeit," die „Jugendfürsorge" (Berlin, Pagel), 
die „Sociale Praxis" (Herausgeber Priv. Dr. Jastrow), ..Frauendienst", Mit 
teilungen des Vereins zum Schutz der Kinder, Mitteilungen des deutsch-evangelischen
	        

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