Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Anregungen. 
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„Neben der Gedankenreihe, die der Unterricht ihnen entgegenbringt, spinnen 
die Schüler oft ihre eigenen fort. Der Lehrer kann das kaum verhindern, ja 
er wird es in manchen Fällen nicht einmal erfahren Der Lehrer sollte 
sich daher recht oft fragen, woran wohl seine Schüler bei dem, was er sagt, 
denken mögen. Er sollte recht oft auf die Gedankengänge der Kinder eingehen, 
die Kinder veranlassen, ihn selbst dabei auf die rechte Fährte zu bringen. Er 
sollte möglichst oft das, was aus dem den Kindern gegenwärtigen Leben zur 
Vergleichung, zur Veranschaulichung herangezogen werden kann, benutzen; ja, er 
könnte wohl auch den Schülern gestatten, derartige Bemerkungen, die sich ihnen 
aus ihrer Erfahrung aufdrängen, zu machen, ohne daß sie dazu besonders 
aufgefordert wären." Alb. Richter, Schule und Leben. 
„Wie es in der Schülerseele aussieht, das erfährt man nicht, wenn man 
sie nur antworten läßt; man muß sie dazu bringen, wirklich zu reden, zu 
plaudern, zu erzählen, zu fragen, heraus zu schwatzen, was in ihnen ist. und 
man darf nicht böse werden, wenn alles dies in einer Form geschieht, deren 
Nachlässigkeit den Pedanten entsetzen würde. Ja, um kennen zu lernen, was sie 
interessiert und was sie in ihren Mußestunden beschäftigt, muß man es geradezu 
vermeiden, durch fortwährende Berichtigungen des Ausdrucks ihre schöne Offen 
herzigkeit zu beirren und die Lebendigkeit ihrer Darstellung ins Stocken zu 
bringen." 
„Vor uns sitzt still die kleine Schar mit den großen, fragenden Augen; sie 
haben gewiß öfter eine Frage auf der Zunge. Aber die Disziplin verschließt 
ihnen das Mäulchen, das so gerne plaudert, und die stumme Frage in ihren 
Blicken versteht der große Mann vor ihnen auch nur zu oft nicht zu lesen. Sie 
gleichen den Blumen, die von roher Hand ausgerauft und auf den Weg geworfen 
worden sind; wie gerne möchten sie ihre Würzelchen in ihn versenken und Nah 
rung aus ihm saugen, um noch schöner zu erblühen. Aber der Lehrer — das 
ist der harte Weg — bleibt fest und bildet sich oft noch viel auf seine Festigkeit 
ein, auf der man doch so schön vorwärts kommen könne, indeffen jene, ihrer 
Natur gemäß, verkümmern und verdorren müssen." 
„Der Lehrer, der sich zu jeder Zeit genau unterrichtet von dem Inhalt der 
Schülerseele, der es sich zum ehernen Gesetz gemacht hat, immer und überall 
darauf zu achten, daß der Kontakt seiner Sprache mit dem Anschauungskreis der 
Kinder nicht unterbrochen wird, der wird bald gewahr werden, wie hierdurch ein 
neuer frischer Zug durch den gesamten Unterrichtsbetrieb zu wehen beginnt, sodaß 
überall wie nach einem Gewitterregen die geistige Vegetation eine kräftigere, ge 
sündere und reichere wird." 
Ernst Linde, Die Muttersprache im Elementarunterricht. 
„Der Lehrer, der die Schüler dahin bringt, daß sie vor ihm sich ruhig 
besinnen lernen, d. h. dazu den Mut gewinnen, hat sofort eine um 50 °/o ge 
scheitere Klasse." 
„Es ist wirklich bei manchen Lehrern, als ließen sie den lebendigen inneren 
Menschen, der die wahre Lebensquelle für die Klasie ist, (nicht das Buch) einfach 
zu Hause oder auf dem Korridor oder im Sprechzimmer bei den Kollegen und 
brächten in die Klasse nur ein Stückchen davon mit, den trockenen Verstand, mit 
dem Gedächtnis, seinem gleich trockenen Diener." 
Prof. Hildebrand, a. a. O.
	        

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