Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Das Volkslied in der Schule. 
35 
Aufgabe verhelfen, daß die Kinder bei ihrem Austritt aus der Schule einen 
Schatz guter Lieder nach Text und Melodie als freies Eigentum besitzen. Und 
auf diesen Liederschatz wird unsere Schuljugend im spätern Leben oft und gern 
zurückgreifen, wenn es die Schule verstanden hat, der — Gott sei Lob und 
Dank — noch regen Sangeslust unserer Jugend entgegen zu kommen und ihr 
reichliche Gelegenheit zur Bethätigung zu geben, wenn sie die herrlichen Lieder- 
perlen zu Lieblingen der Kinder gemacht und der Jugend das Bedürfnis ein 
gepflanzt hat, sich das Dasein durch Gesang zu verschönen und dadurch und 
darin die vornehmste und edelste Erholung zu finden. 
Damit sind die Grundlinien des Wirkens der Schule für das Volkslied 
gegeben, und es bleibt nur übrig, dieselben im einzelnen näher zu bestimmen und 
weiter auszuführen. Es handelt sich zunächst um die Pflege des Volks 
liedes im deutschen Unterrichte. Wenn es schon ausgesprochen ist, daß 
das Volkslied im deutschen Unterrichte eine wichtige Stelle einnehmen muß, so 
gehe ich jetzt noch einen Schritt weiter und fordere, daß das volksmäßige Lied 
bei der Auswahl der zu behandelnden und zu memorierenden Lesebuchstosfe in 
erster Linie berücksichtigt und ihm der Vorrang vor allen andern Dichtungsarten 
zuerkannt werde. Wenn man mir etwa entgegnen sollte, daß das Volkslied doch 
der lyrischen Poesie angehöre und die Lyrik gerade für die Volksschule ein 
schwieriges Gebiet sei, so entgegne ich, daß das Volkslied zu der ihm angewiesenen 
hervorragenden Stelle nicht nur berechtigt ist wegen seines hohen Wertes für 
Volksgesang und Volksleben, sondern auch dazu berufen und recht geeignet 
erklärt werden muß wegen seiner schlichten, innigen Auffassung aller Lebens 
verhältnisse, wegen seiner Anlehnung an konkrete Fälle und wegen der allgemeinen, 
volkstümlichen Gefühle, die es zum Ausdruck bringt, und nicht zuletzt wegen 
der schlichten, klaren, einfachen und verständlichen, von aller Absichtlichkeit und 
erkünstelten Rhetorik freien Sprache. 
Erfreulicherweise bieten unsere Lesebücher fast sämtlich eine reiche Auswahl 
von volkstümlichen Liedern, mögen sie nun patriotischen Charakter tragen oder 
Natur-, Wanderlieder u. s. w. sein. Leider aber wird dem ursprünglichen alten 
Volksliede nicht in allen Lesebüchern ein gleiches Bürgerrecht zuerkannt. Außer 
dem Liede vom „Schnitter Tod" und den beiden Soldatenliedern: ,,O Straß- 
burg, du wunderschöne Stadt" und „Zu Straßburg auf der Schanz", die sich 
allgemeines Heimatrecht in der Schule erworben haben, findet man selten ein 
wirkliches Volkslied in unsern Lesebüchern. Man muß unwillkürlich fragen: Worin 
liegt diese Erscheinung begründet? Da begegnet man wohl der Ansicht, daß sich 
das alte Volkslied überlebt habe und längst vergessen sei. Gewiß sind viele der 
Lieder, denen wir in den Volkslieder-Sammlungen, wie „des Knaben Wunder 
horn", „Scheerers Jungbrunnen", „Erks Liederhort," begegnen, dem Bewußt 
sein des Volkes längst entschwunden; aber es lebt doch noch ein guter Teil 
3*
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.