Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
logie studierten! Es bleiben also auf der evangelischen Seite 9 /io der Abiturienten 
für andere Berufe — auch für die Staatsämter — übrig, auf der katholischen 
Seite nur 2 /3. Wir dürfen darnach dem gen. Verfasser darin recht geben, „daß 
die Katholiken mit ihrem geringeren Bildungsbedürfnisse selbst die Schuld daran 
tragen, daß der paritätische Staat bei der Anstellung der Beamten den katho 
lischen Forderungen der Parität gar nicht nachzukommen imstande ist." 
Zur Ergänzung des Vorstehenden geben wir noch eine Zusammenstellung 
wieder, die Prof. Dr. Gemß in den „Berliner Neueste Nachrichten" über den 
Besuch der höheren Lehranstalten Berlins veröffentlicht hat. Darnach kamen im 
Jahre 1900 in Berlin auf je 1000 Einwohner 843 Evangelische, 107 Katho 
liken, 50 Juden. Damit vergleiche man nun den Besuch der höhern Schulen. 
Es kamen auf je 1000 Schüler an 
den Gymnasien 705 Evangelische 52 Katholiken 243 Juden 
den Realgymnasien 782 „ 36 ,. 180 „ 
der Oberrealschule 845 „ 36 „ 119 „ 
der Realschule 882 „ 39 ,. 79 
Kinderarbeit. Dem christlich-socialen „Volk" entnehmen wir über diesen 
Gegenstand folgende Ausführungen: Die Regelung der gewerblichen Kinderarbeit 
steht auf der Tagesordnung. Der Bundesrat hat am 10. April dem Gesetz 
entwürfe seine Zustimmung gegeben, und der Reichstag hat mit wenigen unrühm 
lichen Ausnahmen den Entwurf willkommen geheißen. Wir begrüßen es besonders, 
daß der Entwurf auch die gewerbliche Beschäftigung der eigenen Kinder ein 
schränkt. Die Eltern haben kein Recht, ihre Kinder zu verderben. Die argen 
Zustände, z. B. der Thüringer Hausindustrie, schrieen nach dem starken Arm 
des Reiches. Landwirtschaft und Gesindedienst sind zunächst vom Kinderschutz 
ausgeschlossen, möchten bald die Rübenkinder und die Hütekinder gleichen Schutzes 
teilhaftig werden! Mit Recht bezeichnet der „Reichsbote" vom 16. April den 
Schutz der in der Landwirtschaft erwerbsthätigen Kinder als Konsequenz des 
Gesetzentwurfes. — Schon machen die Freunde der Kinderarbeit z. B. manche 
Bäckerinnungen mobil. Wir werden über den „Segen geregelter körperlicher 
Arbeit der Kinder" noch manches zu hören bekommen. Aber hat nicht der 
„Vorwärts" recht, wenn er schreibt: „Danach wären ja alle die Kinder der 
Wohlhabenden ganz bedauerliche Geschöpfe, da man ihnen nicht vergönnt, in der 
Werkstatt oder auf Botengängen, beim Rübenziehen und Kindertragen körperliche 
Arbeit zu verrichten." Erwerbsarbeit schulpflichtiger Kinder sollte soweit als 
möglich eingedämmt werden. — Zur Agitation für den Kinderschutz kommt just 
recht das Werk des Rixdorfer Lehrers Konrad Agahd, Kinderarbeit und das 
Gesetz gegen die Ausnutzung kindlicher Arbeitskraft in Deutschland. Jena 1902, 
Gustav Fischer, 206 S. 2,40 M. — Es sind in Deutschland 532238 Kinder 
unter 14 Jahren gewerblich beschäftigt. Diese Kinder verladen Erze, klopfen 
und schleifen Steine, brennen Kalk, mahlen Gips. Sie tragen Ziegel, glasieren 
Ton, formen Porzellan, schneiden Glas. Sie fertigen Uhrketten an, klöppeln 
Spitzen, malen Zinnsoldaten und stanzen Knöpfe. In der Eisengießerei sind sie 
mit Kornmachen, Brechen und Formen beschäftigt. Sie schanzen in Blechwaren 
fabriken, hämmern Nägel, schmieden Klingen und hauen Feilen. Tausende sind 
mit Uhrmacherarbeiten und in Musikinstrumentenfabriken beschäftigt, zehn- und 
Hunderttausende in Spinnereien, Webereien, Stickereien, Wirkereien, in Häkeleien,
	        

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