Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Rundschau. 
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Strickereien und Posamentenfabriken. Der Papiermachefabrikant will sie ebenso 
wenig entbehren wie der Gerber. Andere verfertigen Spielwaren aus Leder, 
andere sind in der Holzindustrie thätig. Wieder andere drehen Hornknöpfe, binden 
Besen und Bürsten, machen Zigarren und helfen beim Schneidern. Sie flechten, 
putzen und schleißen Federn, schneiden und enthaaren, nähen und beizen Felle, sie 
machen Handschuhe, nähen Korsetts, sie helfen dem Schuster wie dem Maurer. 
Sie tünchen Wände und mahlen Farben. Es sind im ganzen 306823 kleine 
Geschöpfe, die nach den amtlichen Erhebungen vom Jahre 1898 in der Industrie 
beschäftigt sind. Weitere 16 576 arbeiten im Handel, 1376 im Verkehr, 
12 748 in der Gastioirtschaft. 42 837 tragen Backwaren, 45603 Zeitungen 
aus. 35 909 sind schließlich als Laufjungen oder Laufmädchen beschäftigt. In 
welchem Alter stehen nun die beschäftigten Kinder? In Charlottenburg giebt es 
vier- bis sechsjährige Knaben und Mädchen, die erwerbsthätig sind. In Aachen- 
Burtscheid sind 2000 Kinder, unter denen sich viele noch nicht sechs Jahre alte 
befinden, mit Sortieren, Aufstecken, Schachtelkleben, Haken und Oesenaufnähen 
beschäftigt. Die Hauptmasse der arbeitenden Kinder verteilt sich auf das Alter 
von 8 bis 11 Jahren. In Dresden ist jeder zehnte achtjährige Knabe schon ein 
Arbeiter. Im Jndustrieorte Schmölln arbeitet jedes dritte achtjährige Mädchen 
und jeder fünfte siebenjährige Knabe! Im Sonneberger Bezirk wird vor Weih 
nachten oft die ganze Nacht durchgearbeitet. In Sachsen-Koburg-Gotha dauert 
die Arbeit 7 — 10 Stunden, in Anhalt dauert die Kinderarbeit in der Rohr- 
deckenfabrikation und Rohrflechterei — unter großer Anstrengung — meistens 
bis 10 Uhr abends; in Reuß ä. L. arbeiten die Kegeljungen vielfach bis 2 und 
3 Uhr morgens. Für andere heißt es wieder früh aufstehen! In Charlotten 
burg arbeiten 20 kleine Frühstücksausträger — im Winter — schon vor 4 Uhr 
morgens, und weitere 175 beginnen zwischen 4 und 5 Uhr. Man fand dabei 
in Charlottenburg 12stündige, in Chemnitz 13stündige Arbeitszeiten. Der 
Gewerbebericht für den Regierungsbezirk Arnsberg besagt: „Den Kindern wird 
fast gar keine freie Zeit zum Spielen und zur Erholung in freier Luft gegönnt, 
ihre Schularbeiten müssen sie in der Werkstatt machen." — Und die sittlichen 
Folgen? Von den Zöglingen der Straußberger Rettungsanstalt waren 70 Prozent 
früher erwerbsthätig; Gefängnislehrer Erfurt in Plötzensee führt zwei Drittel 
der Strafthaten Jugendlicher auf gewerbliche und landwirtschaftliche Neben 
beschäftigung zurück. Die Kegeljungen werfen die Kegel um für einen, der gut 
bezahlt: da lernen sie den Betrug; die staubige Luft und splendide Herren ver 
führen sie zur Trunkenheit, und in der Trunkenheit begehen sie Körperverletzungen. 
Semmelträgern wird die Gelegenheit, Diebe zu werden, oft nahe gebracht; es 
ist endlich keine Seltenheit, daß Knaben am frühen Morgen von Dirnen ver 
schleppt werden. 20000 Kinder arbeiten in Berlin, 75 000 Erwachsene waren 
jüngst arbeitslos. — Wer sich vor Gott verantwortlich weiß für die Kinderwelt, 
helfe, daß der Entwurf des Bundesrats am 1. Juli 1903 in Kraft trete! 
Die neun preußischen Universitäten und die Akademie zu Münster 
wurden im Sommerhalbjahr von insgesamt 17 880 Studierenden besucht. 
Obenan steht Berlin mit 5676; es folgen Bonn mit 2091, Breslau mit 1827, 
Halle mit 1727, Göttiugen mit 1371, Marburg mit 1362, Kiel mit 1156, 
Königsberg mit 968, Münster mit 887, Greifswald mit 825 Studierenden. 
Von den vier Fakultäten ist am stärksten die philosophische (7669); dann reihen 
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