Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Die Wirkung des Religionsunterrichts. 
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Brüderlichkeit durch die menschliche Seele. Dieses Sehnen führt naturgemäß 
zu Gott hin. wo es allein voll und ganz befriedigt werden kann. „Wen der 
Sohn frei macht, der ist frei." Und wo diese herrliche Freiheit der Kinder 
Gottes ist, da ist auch die wahre Gleichheit und Brüderlichkeit. Ob Fürst oder 
Knecht, Mann oder Weib, reich oder arm — hier heißt es: „Wir, als die 
von einem Stamme, stehen auch für einen Mann." Das ist wahre Freiheit, 
Gleichheit und Brüderlichkeit, die sich wohl verträgt mit der Verschiedenheit des 
Standes, der Begabung und der materiellen Mittel. Wohin dieses Sehnen 
führen soll und kann, weiß auch der Fürst dieser Welt. Und darum hat er, 
von dem Luther sagt: „groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist" — 
diesem Sehnen eine andere Richtung zu geben sich bemüht. Und es ist ihm 
nur zu gut gelungen. Er hat den Menschen eine betrügliche Fata Morgana 
vorgespiegelt, um ihnen den Schein für das Sein zu geben, um sie schmählich 
zu betrügen durch jenes Hirngespinst, das sie Zukunftsstaat nennen. „Da sie 
sich für weise hielten, sind sie zu Narren geworden," sagt das göttliche Wort. 
Es ist insonderheit die Aufgabe der Erziehung, jenes Sehnen in die rechte Bahn 
und nach dem rechten Ziel zu lenken. Und gerade in unserm Religionsunterricht 
haben wir Gelegenheit zu zeigen, daß auch wir Christen einen Zukunftsstaat 
haben, einen Staat, in dem Gerechtigkeit, Friede und Freude wohnt, dessen 
Haupt nicht irgend ein ehrgeiziger Parteiführer, sondern Jesus Christus, der 
Schönste und Herrlichste unter den Menschenkindern ist. Wenn Jesus Christus 
in ein Herz einzieht, dann zieht mit ihm ein neues Zukunftsideal ein. Es ist 
das Reich Gottes, um dessen Kommen wir beten im Vaterunser. Und wo 
dieses Ideal ein Herz beglückt, wo man weiß, daß das Reich Gottes seinem 
Wesen nach nicht „Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit, Friede und Freude 
im Heiligen Geist" ist, da ist für das armselige Hirngespinst eines sogenannten 
Zukunftsstaates kein Raum mehr. Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, 
selig zu machen alle, die daran glauben, es ist eine Kraft, die stärker ist als 
Menschenmacht und Menschenweisheit, eine Kraft, vor der sich die römische 
Staatsgewalt und die griechische Weisheit hat beugen müssen. Das Christentum, 
d. h. nicht das armselige schulgerechte Gewohnheitschristentum, sondern das 
Christentum, das Geist und Leben ist, ist auch stärker als die kräftigsten Irr 
tümer der Sozialdemokratie. Die Erfahrung beweist es. Für mich wird die 
Sachlage trefflich beleuchtet durch ein Wort, das ich von einem Stillen im Lande 
hörte: „Wenn ich kein Christ wäre, würde ich ein Sozialdemokrat sein; aber 
weil ich ein Christ bin, darum kann ich kein Sozialdemokrat sein." Ja: ein 
Christ kann kein Sozialdemokrat sein, und ein Sozialdemokrat kann kein Christ 
sein. Mehr lebendiges Christentum heißt: weniger Sozialdemokratie. Oder 
ist etwa die Wissenschaft besser im stände, die Sozialdemokratie zu besiegen? 
Benutzt diese nicht auch die Wissenschaft? Da steht also Wissenschaft gegen
	        

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