Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Die Wirkung des Religionsunterrichts. 
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ratsam einer Wissenschaft zu trauen, die sich leichten Herzens über den schlichten 
Christenglauben hinwegsetzt Wahre Wissenschaft macht bescheiden. Ich würde 
aber auch ein Christentum nicht loben, das mit Verachtung an jeder ernsten 
Wissenschaft vorübergeht. Wahrer Glaube macht demütig und lehrt den Segen 
aller ernsten Arbeit (körperlichen und geistigen) würdigen. Aber alles zu seiner 
Zeit und an seinem Orte! Ich sehe nicht gern die Wissenschaft im Gebiet des 
Glaubens und den Glauben im Gebiet der Wissenschaft. Das eine wird durch 
das andere verdorben. 
Aber es ist etwas Großes und Herrliches, wenn Wissenschaft und Kunst 
mit dem Glauben Hand in Hand gehen. Die Männer der Kunst und Wissen 
schaft sollten Priester Gottes des Höchsten sein, die ihre edlen Gaben dazu ge 
brauchen, den großen Gott zu verherrlichen. Wenn solche Männer uns hinein 
schauen lassen in die Wundertiefen der Natur und Kunst, dann werden wir uns 
selbst so klein, und unser Gott wird uns so groß. Dann geht uns aber auch 
eine Ahnung auf von der hohen und herrlichen Bestimmung des Menschen, daß 
wir rühmen müssen mit dem Psalmisten: „Herr, unser Herrscher, wie herrlich 
ist dein Name in allen Landen! — Was ist der Mensch, daß du sein gedenkest 
und des Menschen Kind, daß du dich sein annimmst? Du hast ihn ein wenig 
unter die Engel erniedrigt, und mit Herrlichkeit und Pracht hast du ihn gekrönt." 
Wenn Glaube und Wissen (im gewöhnlichen Sinne) verschiedene Dinge 
sind, wenn es der Glaube mit Dingen zu thun hat, deren Sein oder Nichtsein 
durch keine Wissenschaft bewiesen werden kann, dann ist es sonnenklar, daß 
ein Religionsunterricht verfehlt sein muß, der in Lehrbegriffen feinen Zweck sucht 
oder doch auf der Meinung beruht, daß in einem möglichst klaren, großen und 
zusammenhängenden Wissen die beste und sicherste Grundlage für die Entstehung. 
Entwicklung und Ausgestaltung des christlichen Lebens zu suchen sei. Und wenn 
diese Meinung sich auf Psychologie gründet, dann liegt eben wieder ein Anlaß 
vor zu prüfen, ob diese Psychologie thatsächlich allen Erscheinungen des inneren 
Lebens gerecht zu werden vermag. 
2. Für die Methode ist zweitens die Natur des Unterrichtsgegenstandes zu 
beachten. Christentum und Christenleben ist abhängig von Jesus Christus. Er 
ist das Haupt, König, Hoherpriester und Prophet seiner Gemeinde. „Jesus 
Christus gestern und heute, und derselbe in Ewigkeit." Ein Christentum, das 
nur den Menschen, aber nicht den Gottmenschen Christus kennt, verdient seinen 
Namen nicht. Es unterscheidet sich vom Judentum und Mohammedanismus 
höchstens durch eine vollkommnere Sittenlehre. „Wir glauben ja all an einen 
Gott." Und es giebt ja bekanntlich sogar sogenannte Christen, die auch von 
der „Sklavenmoral" des Christentums nichts wißen wollen. 
Es ist meines Erachtens kein christlicher Religionsunterricht, wenn nicht 
Jesus Christus, der gekreuzigte und auferstandene Gottessohn im Centrum steht,
	        

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