Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Das Volkslied in der Schule. 
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Von den Wanderliedern seien folgende erwähnt: 
1. Morgen muß ich fort von hier 
und muß Abschied nehmen. 
2. Ein Sträußchen am Hute, 
den Stab in der Hand rc. 
Und endlich seien einige geistliche Volkslieder angeführt, die einen 
wunderbar ergreifenden Ton anschlagen: 
1. Es ist ein Reis entsprungen 
aus einer Wurzel zart rc. 
2. „Das Lied von den sieben Tagen der Leidenswoche" mit dem Zwiegespräch 
zwischen Jesus und Maria, woraus ich nur die eine Strophe anführen will: 
„Ach Sohn, du liebster Jesu mein, 
was wirst du am heiligen Freitag sein?" 
„Ach Mutter, liebste Mutter mein, 
könnt' dir der Freitag verborgen sein!" 
3. „Die Leiden des Herrn", worin Maria klagt: 
„Nun bieg' dich, Baum, nun bieg' dich, Ast, 
mein Kind hat weder Ruh' noch Rast! 
Nun bieg' dick, Laub und grünes Gras, 
laßt euch zu Herzen gehen das! — 
Die hohen Bäume, die bogen sich, 
die harten Felsen zerkloben sich, 
die Sonn' verlor den klaren Schein, 
die Vöglein ließen ihr Rufen sein!" 
Die angeführten Proben aus dem Volkslieder-Album mögen genügen! — 
Im Anschluß an diese Lieder, die zu den Perlen echtester Poesie gehören, sei 
der Wunsch ausgesprochen, daß doch jeder Lehrer für das Bestreben gewonnen 
werden möchte, das alteVolkslied, so weit es sich dazu eignet, der 
Vergessenheit zu entreißen und wieder zu Ehren zu bringen, 
es im Gesang- und deutschen Unterrichte, in der Religions-, Geschichts- und 
Naturkundestunde zu verwerten und zu verwenden und durch die Schule dem 
Hause und dem Volke wieder zuzuführen. — 
Zur Verbreitung des Volksliedes kann auch die Behandlung der 
Volksliedertexte in der Schule beitragen; sie muß dazu angethan sein, die 
Lieder zu Lieblingen der Kinder, zu Lieblingen des Volkes zu machen. 
Über die Behandlung lyrischer Gedichte ist viel gestritten worden; die einen 
wollen das Lied eingehend behandeln, während ,'die andern der Ansicht sind, 
man müsse das Gedicht durch sich selber wirken lassen. Wie so oft, liegt auch 
hier die Wahrheit in der Mitte. Als die zartesten Blumen im Garten der 
Poesie müssen alle lyrischen Erzeugnisse mit besonders zarter Hand angefaßt wer 
den, damit ihnen der Duft nicht abgestreift werde; aber es sind doch in den meisten 
dieser Gedichte Ausdrücke, Beziehungen und Verhältnisse enthalten, die einer Be-
	        

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