Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Wenn wir nicht an das Gewissen und den Willen appellieren, sind wir 
ganz unpraktische Leute. Und was das Schlimmste ist: Unsere Kinder werden 
auch solche Leute. Sie merken gar nicht, wozu das Christentum eigentlich da 
ist und worauf es ankommt. Wenn wir aber bestrebt sind, das Gewissen 
zu schärfen und den Willen in Bewegung zu setzen, dann hat unser 
Unterricht eine praktische Tendenz, und unsere Schüler merken, daß es mit dem 
Maulbrauchen nicht gethan ist, daß es sich um Dinge handelt, die unser ganzes 
Sein in Zeit und Ewigkeit umfassen und bestimmen. 
Welche Methode sollen wir nun anwenden? Als Antwort möchte ich eine 
Geschichte erzählen: Der kleine David wollte gegen den Riesen Goliath kämpfen. 
„Und der König Saul zog David seine Kleider an und setzte ihm einen ehernen 
Helm auf sein Haupt und legte ihm einen Panzer an. Und David gürtete 
sein Schwert über seine Kleider und fing an zu gehen; denn er hatte es nie 
versucht. Da sprach David zu Saul: „Ich kann nicht also gehen, denn ich bin 
es nicht gewohnt" und legte es von sich. Und David nahm seinen Stab und 
erwählete fünf glatte Steine aus dem Bache und that sie in die Hirtentasche 
und nahm die Schleuder in seine Hand und machte sich zu dem Philister." 
Wie es weiter geht, wiffen wir. Der kleine David besiegle den Riesen. In 
der Rüstung Sauls wäre es ihm nicht gelungen. Aber er kämpft frisch, fromm 
und frei im Vertrauen auf den Herrn Zebaoth. Er glaubt felsenfest, daß er 
siegen wird, und darum siegt er. 
Haben wir nicht auch gegen einen so furchtbaren Feind zu kämpfen, von 
dem Luther sagt: „Groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist"? 
Sollten wir da nicht von David lernen können? Sollten wir uns einzwängen 
lassen in den Panzer eines methodischen oder didaktischen Formalismus? Pfarrer 
Bonus hat wirklich nicht so ganz unrecht, wenn er von einem Schrauben- und 
Zangengeist spricht. Ist der Religionsunterricht von anderer Art und Natur 
als der übrige Unterricht, dann soll man ihn auch anders behandeln, dann soll 
man ihn nicht methodisch so behandeln, als wenn klare Begriffe oder irgend 
welche Verslandswahrheiten das Ende vom Lied wären. Vor allen Dingen hüte 
man sich vor dem Mißbrauch der Sokratik auf diesem Gebiete; man kann 
nichts aus dem natürlichen Menschen herausholen, was nicht drin ist. Ich ver 
mute, daß wir auf diesem Gebiete schon alte Erfahrungen gesammelt haben. 
Daß es aber auch im Religionsunterricht Dinge giebt, die man verstandesmäßig 
betrachten kann und soll, brauche ich kaum zu erwähnen. 
David wählte sich fünf glatte Steine aus dem Bache. Wollen wir nicht 
auch unsere Waffen suchen in dem lauteren und klaren Strom des lebendigen 
Wassers? Ein Saul mag seinen schweren Panzer anziehen, es ziemt sich nicht 
für einen David. Wer da meint, David wäre leichtfertig in den Kampf 
gegangen, der irrt sich gewaltig. Er wußte ganz bestimmt, daß Jehovah auf
	        

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