Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
sprechung, Erklärung oder poetischen Ausmalung bedürfen, wenn die unerläßliche 
Voraussetzung für das Verständnis und für eine wahre und tiefe Empfindung 
erfüllt werden soll. Das Mehr oder Weniger dieser Behandlung muß sich in 
jedem einzelnen Falle aus der besonderen Natur des Liedes und dem geistigen 
Standpunkte der Kinder ergeben, uud der pädagogische Takt des Lehrers muß 
hier das Richtige treffen. 
Es würde hier zu weit führen und vom Thema abschweifen lassen, wenn 
die Behandlung des Volksliedes außer den vorstehenden allgemeinen Bemerkungen 
eingehender ausgeführt werden würde; aber ich kann es mir nicht versagen, einen 
Gedanken empfehlend zum Ausdruck zu bringen, welchen Otto Schulze in dem 
Aufsätze über die Behandlung deutscher Gedichte (Langensalza 18949 ausspricht 
und den Eduard Förster in dem Buche: „Das Volkslied in der Volksschule" 
(Breslau, Ferd. Hirt), zur praktischen Durchführung bringt, nämlich: die Zu 
sammenstellung und Verbindung verwandter Lieder beim Unterrichte, oder kurz 
gesagt: Die gruppenweise Behandlung der Gedichte. Wenn z. B. 
das schöne Volkslied: „Zu Straßburg auf der Schanz" mit dem schweren Kon 
flikte zwischen strenger Soldatenpflicht und Liebe zur Heimat zur Behandlung 
steht, so rücke man Uhlands „guten Kameraden" vor das geistige Auge, und cs 
prägt sich das Gefühl der Pflicht und der Treue gegen das Vaterland unaus 
löschlich ein. Daran schließt sich ganz unvermittelt das Chamissosche Gedicht 
„der Soldat" an, in welchem ehrlose Fahnenflucht blutige Sühne findet, aber auch die 
Freundestreue einen herrlichen Triumph feiert. Will man diese Gedankenreihe 
weiter verfolgen, so stellen sich ganz ungesucht noch folgende Lieder ein: „Ein 
getreues Herze wissen" (Fleming), der Liebe Dauer: ,,O lieb, solang du lieben 
kannst rc." (Freiligrath) u. s. w. 
Ähnliche Gruppierungen ergeben sich bei andern Gedankenkreisen, z. B. 
beim Scheiden des Winters und der Ankunft des Lenzes, bei Sommer und 
Winter, Morgen und Abend, Saat uud Ernte, Tod und Leben, bei Eltern- 
treue und Kindesliebe, bei Heimat und Fremde u. s. w. Der Wert dieser 
Gruppierung liegt einerseits darin, daß ein allseitigeres und tieferes Verständnis 
erschlossen wird, dann aber auch reiche Gelegenheit zur Wiederholung früher ge- 
ernter Lieder und Gedichte sich darbietet (immanente Repetition). Nachstehende Auf 
stellung möge das Gesagte weiter exemplifizieren: 
1. Schäfers Sonntagslied (Uhland). Anschlußsto ffe: Der 
Sonntag (Hey); Es tönet über das weite Feld (Löwenstein); Der Sonntag ist 
gekommen (H. v. Fallersleben). 
2. Der Wanderer in der Sägemühle (Kerner). Anschluß ' 
stoffe: Droben stehet die Kapelle (Uhland); Morgenrot, leuchtest mir zum 
frühen Tod (Hauff); Es ist ein Schnitter, der heißt Tod (Volkslied); Wanderers 
Nachtlied und: Uber allen Gipfeln ist Ruh (Goethe).
	        

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