Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Oktober 1902. 
I. Abteilung. Abhandlungen. 
Zur Frage des deutschen Geschichtsunterrichts. 
Von Th. Franke in Wurzen. 
Kraft- und planvoll nationale Erziehung ist 
die Losung des neuen Jahrhunderts. 
Zwar sind die Hauptgesetze der Erziehung und des Unterrichtes schon im 
18. Jahrhunderte erkannt und aufgestellt worden, doch hat erst das verflossene 
die eigentliche Methodik geschaffen, welche jetzt das Unterrichtswesen der Volks 
schule beherrscht. Noch immer sucht eine ungemein lebhafte Umgestaltungsthätig 
keit die heutige Unterrichtskunde und Lehrkunst zu vervollkommnen, doch entspricht 
der Erfolg meist noch nicht der aufgewandten Mühe. Im allgemeinen bleibt es 
trotz der zahllosen erziehungs- und unterrichtskundlichen Reformvortrüge und 
Reformschriften fast immer beim alten, denn die Erneuerung der Unterrichtsweise 
kann man ja billigerweise von dem alten Lehrergeschlechte gar nicht verlangen, 
und selbst der junge Nachwuchs hält zum großen Teile an dem fest, was ihm 
im Seminar gelehrt und vorgeübt wurde. 
So wird deshalb auch der Geschichtsunterricht des 20. Jahrhunderts noch 
lange Zeit hindurch dieselbe Gestalt zeigen, wie jetzt, obgleich auch er von jeher 
und namentlich in den beiden letzten Jahrzehnten den Gegenstand zahlreicher und 
tiefgehender Umgestaltungsvorschläge bildete. Von allen diesen richtet die eine 
Art ihr Hauptaugenmerk nur auf größere oder kleinere Verbesserungen der Unter 
richtsform, der Behandlung einer bestimmten, inhaltlich abgegrenzten und gegebenen 
Lehreinheit, während die andere sich teils mit der Auswahl, teils mit der Anordnung, 
teils mit der Durcharbeitung und Durchgeistigung des Stoffes beschäftigt. 
So wertvoll und notwendig nun auch alle die kleinen Vervollkommnungen 
in der seelengesetzlichen Form des Geschichtsunterrichtes sind, so genügen sie doch 
nicht und können nur die Vorstufe für weitere, umfassendere, tiefergehende Umge 
staltungen bilden. Höher als die Form steht stets der Geist. Baut sich die 
Seele ihren Leib, so auch der Geist seine Form, nicht allein im Lehrer, sondern 
auch im Schüler. Der Geist macht lebendig, belebt und beseelt den Stoff, aber 
der Buchstabe tötet. Dies gilt für Erziehung und Unterricht am uneingeschränktesten, 
was man im 20. Jahrhunderte mit zunehmendem Maße einsehen und anerkennen 
wird. Dann wird auch die Herrschaft der toten Unterrichtssormen, das 
unterrichtskundliche Formeltum, wie ich den pädagogisch-methodischen Formalismus 
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