Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
zu verdeutschen pflege, der Herrschaft des Geisttums weichen. Man wird sich 
stets an die Kern- und Sternpunkte halten und nicht an einige Lehrvordrucke, 
Unterrichtsschablonen und Schnittmuster anklammern wie der Lehrling an des 
Meisters Hand- und Kunstgriffe und Kniffe. Man wird den Unterricht nicht, 
wie das ein Pestalozzi selbst versuchte, mechanisieren, einformeln, formbannen und 
verhandgriffeln, sondern wird ihn mehr und mehr zur echten und wahren Lehr 
kunst aus- und umgestalten. Nicht in der fehlerlosen Form, in der richtig 
gestellten Frage, auf welche schnell und sicher die gewünschte Antwort erfolgt, 
nicht in Äußerlichkeiten und Nebensächlichkeiten, sondern vielmehr in Innerlich 
keiten, Hauptsächlichkeiten, in der künstlerischen, geistigen und durchgeistigten 
Vollendung wird nunmehr das Endziel und Urbild alles Unterrichts erblickt und 
geachtet werden. 
Die bisherige auf das Herausarbeiten von allgemeingültigen Formen und 
Normen abzielende Entwicklung der Unterrichtskunde kann da nur als eine Vor 
stufe, wenn auch unerläßliche Vorstufe gelten für jenes Zeitalter, in welchem der 
Geist über dem Buchstaben, der Gehalt über der Form, die Kunst über dem 
Handwerk steht. 
In diesem Sinne wird und muß sich auch der Geschichtsunterricht im 
20. Jahrhunderte weiter entfalten und ausgestalten. Alle die zahlreichen Ver 
besserungsvorschläge, Umgestaltungspläne und Umbaurisse sind nur die aus jenem 
Entwicklungs- und Veredlungsdrange gebornen Versuche und Anläufe, jenem noch 
unklar erfaßten Zukunftsbilde näher zu kommen. \ 
So unvollkommen, so stückwerklich, ja, so flickwerklich viele derselben auch 
sein mögen, so soll man sie doch nicht ohne weiteres in die Rumpelkammer zum 
alten Eisen werfen. Denn fast jeder neue Bauriß enthält einen brauchbaren 
Gedanken, einen Bestandteil von dauerndem Werte. Nur gilt es zu sondern, zu 
sichten, zu fügen und zu behauen, überhaupt zu einen, planmäßig zu bauen. 
Wir müssen endlich auch in der Geschichtslehrkunde über das ziel- und prüfungs 
lose Verbessernwollen uns erheben, zu männlichem, selbst- und zielbewußtem Thun 
aufraffen. Es gilt beim Beginne des neuen Jahrhunderts mehr und mehr, 
planmäßig zu Werke zu gehen, unsere Kräfte nicht zu zersplittern, sondern 
vielmehr zu sammeln. Denn große Aufgaben warten unser im neuen Jahr 
hunderte, unserer Schule, unserer Lehrerschaft, unserer Jugend, unserer Regierung, 
unserem Volke. Vor allen Dingen heißt es sparsam wirtschaften, haushalten 
und umgehen mit all den Kräften, Anlagen und Gaben, welche uns die Natur 
und die Geschichte verliehen haben. Wir müssen noch weit mehr als bisher 
unser Gesamtwollen, Gesamtkönnen, Gesamtschaffen und Gesamtleistungsvermogen 
auf das Eine, was not thut, richten. Unter diesem Zeichen der Sammlungskunst 
wird die Pädagogik nicht minder stehen und stehen müssen wie die Staatskunst. 
Politik und Pädagogik haben im neuen Jahrhunderte noch weit dringendere
	        

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