Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Zur Frage des deutschen Geschichtsunterrichts. 
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Veranlassung, so eng als möglich zusammen zu gehen; wenn auch für sie das 
getrennte Marschieren die unerläßliche Voraussetzung bildet, so bleibt doch unbe 
stritten die Notwendigkeit bestehen, vereint zu schlagen. 
Der Geschichtsunterricht wird im neuen Jahrhunderte sich immer mehr zu 
einem der wichtigsten Mittel der nationalen, völkischen, deutschen, ganz- und 
echtdeutschen Erziehung und Bildung auswachsen. Die Sozialpädagogik (Gemein 
erziehungslehre), welche jetzt so oft gerühmt und bestritten wird, muß der 
Nationalpädagogik weichen, der völkischen, deutschen Erziehung. Es ist das eine 
von der gesamtgeschichtlichen Entwicklung bedingte Notwendigkeit, ein Gesetz der 
Selbsterhaltung des Staates, an dessen Leistungskraft das angefangene Jahr 
hundert ungeahnte, gewaltige Forderungen stellen wird, wovon uns die neu ent 
fachte Polenbewegung einen kleinen Vorschmack geben kann. 
Als in dem zur Neige gehenden 18. Jahrhunderte der Göttinger Geschichts 
forscher Schlözer seine „Vorbereitung zur Weltgeschichte für Kinder" schrieb, als 
ihm der sächsische Schulmann Dolz mit seinem „Leitfaden zum Unterrichte in der 
allgemeinen Weltgeschichte für Bürgerschulen" folgte, als sich ihnen dann Bredow 
mit seinen „merkwürdigen Begebenheiten aus der allgemeinen Weltgeschichte für 
den ersten Unterricht in der Geschichte, besonders für Bürger- und Landschulen" 
anschloß: da bot man fast durchgängig allgemeine Weltgeschichte, am aller 
wenigsten aber deutsche Geschichte. Da war der Geschichtsunterricht nicht ein 
Mittel zur Heranbildung von Deutschen, zur Herausarbeitung deutscher und 
völkischer Gesinnung, Art und Sitte, sondern weit eher von Weltbürgerei 
und andern Dingen. Warum war der erste Geschichtsunterricht so undeutsch, so 
unvölkisch, so allgemein verblaßt und umrißlos? Weil es an einer wahren und 
echten deutschen Geschichte fehlte. Wohl gab es den geographischen und bis 
1806 auch noch den politischen Begriff Deutschland. x ) Aber was war dies 
Volk der Dichter und Denker für ein elendes und mißachtetes Volk: Vom wirt 
schaftlich nüchternen und erwerbseifrigen Auslande ward das deutsche Volk, das 
sich in unfruchtbaren einzelstaatlichen Hadern verzehrte, nur als sein Haudegen 
und Kulturdünger gewürdigt! Alle seine herrlichen Waffenthaten kamen anderen 
Völkern zu gute. Der spanische Erbfolgekrieg brachte z. B. nur England riesen 
haften Gewinn. Erst Friedrichs des Großen Siege ließen das deutsche Volks-, 
Ehr- und Stolzgefühl wieder einmal emporlodern, und Gottsched, den Eugen 
Reichel als den Deutschen nicht mit Unrecht feiert, konnte schon vor dem sieben 
jährigen Kriege die Hoffnung aussprechen, daß das brandenburgische Haus berufen 
sein werde, noch einmal der französischen Macht Grenzen zu setzen und die Vor 
st Wie Bünger in seiner Entwicklungsgeschichte des Volksschullesebuches hervor 
hebt, vermieden manche Lesebücher in der Zeit nach den Freiheitskriegen, das Wort 
Deutschland anzuwenden.
	        

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