Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
mauern des Reiches abzugeben, denn niemand anders könnte sich mit besserem 
Erfolge der zunehmenden Herrschsucht der Franzosen widersetzen. Doch dauerte 
es noch ein ganzes Jahrhundert, ehe man sich aus der verderblichen Viel- und 
Kleinstaaterei, welche mit volksstaatlicher Mißwirtschaft gleichbedeutend war, empor 
arbeitete. Um Deutschlands schlummernde Volks- und Staatskräfte zu wecken, 
waren erst Napoleons wuchtige Kolbenschläge erforderlich, mußte Preußen erst sein 
Jena, diesen bittern Leidenskelch, bis auf die Neige durchkosten. Doch brachten 
auch die herrlichen Siege der Jahre 1813—1815 nicht die langersehnten Früchte; 
denn das arglistige England, das sich seit dem 16. Jahrhunderte als der ge 
fährlichste, weil heimtückische und hinterlistige Feind Deutschlands erwiesen hatte, 
brachte Preußen und damit Deutschland um den Preis und Lohn seiner Siege, 
um die Rückgabe von Elsaß-Lothringen, um die Wiedervereinigung Hollands mit 
Deutschland, um Helgoland und um die deutsche Einheit. So mußte Deutsch 
land noch durch eine lange und harte Schule gehen, ehe es das erreichte, was 
ihm 1815 von Rechtswegen zukam. 
Bis zum Jahre 1866, ja bis 1870 konnte man füglicherweise gar nicht 
von einer wahrhaften, echten, vollsaftigen, gemüterfassenden, erhebenden deutschen 
Geschichte reden; dieselbe war und blieb in einzelne kleine Stammesgeschichten, ja 
bloße Landschaftsgeschichten aufgelöst. Erst dem gewaltigen Sachsenwaldrecken 
Bismarck war es beschieden, für die Schule die deutsche Geschichte mit ihren 
erziehenden, bildenden, veredelnden und erhebenden Wirkungen zurückzuerobern, ja 
erst neu zu schaffen, indem er die zaudernden und sich sträubenden deutschen 
Stämme und Staaten einigte. Hierdurch hat sich Fürst Bismarck als der 
größte Reformator des deutschen Geschichtsunterrichts gezeigt 
und der Schule und damit der gesamten Volkserziehung einen unendlich hohen 
Dienst erwiesen, wie keiner vor ihm. Selbst die größten Pädagogen stehen in 
diesem Hinblicke weit hinter Bismarcks Einfluß auf die deutsche Erziehung und 
Bildung zurück. Denn wenn auch diese großen Meister der Erziehungslehre die 
formalen Gesetze des erziehenden Unterrichts aufgezeigt haben, so hat doch Bismarck 
als Schöpfer der wahrhaft deutschen Erziehung, der echt deutsch-völkischen Bildung 
die Praxis der deutschen Schule für immer wesentlich bestimmt, hat dieser das 
klare und wahre Gepräge verliehen, eben den Charakter und Geist der deutschen 
Schule. Was sind ferner Formen ohne Geist! Engelszungen ohne Gehalt, 
ohne Gedankeninhalt, ohne Ideale! Und wenn man einwendet, daß es doch 
schon längst deutsche Schulen gab, so waren eben dieselben in ihrer Wirkungs 
weise und in der Pflege der deutschen Gesinnung so sehr beschränkt und gehindert, 
so sehr einzelstaatlich durchtränkt, daß das „Deutschsein" ganz und gar zurücktrat 
hinter dem Preußischsein u. s. w., wie ja Dünger an dem Beispiele einiger 
Landeslesebücher jener Zeit gezeigt hat. Wofür sollte sich auch der Damalige 
Lehrer und Schüler begeistern? Etwa für den politisch-geographischen Begriff
	        

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