Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Zur Frage des deutschen Geschichtsunterrichts. 405 
Deutschland, der weder Fisch noch Fleisch war, der weder Hand noch Fuß hatte, 
der zu schwach war, um zu leben, und zu stark, um zu sterben! Nahm man 
doch das Wort gar nicht gern in den Mund, weil es den Aussprecher leicht 
politisch in Mißgeruch bringen konnte! Und wenn sich Dichter, wie Schnecken 
burger, für ein Deutschland, für die deutsche Wacht am Rhein begeisterten, so 
hatten sie dabei gar nicht ihr zeitgenössisches, schwächliches und kränkliches 
Deutschland, sondern ein zukünftiges, starkes, geeintes und einiges Deutschland, 
ein Groß- und Ganzdeutschland vor Augen! Begeisterte sich ja doch ein Herwegh 
für das „große Zukunftsvolk der Erde" und mahnte: „Erwach, mein Volk, 
du sollst die Welt gewinnen! . . . Zieh mutig in die Welt hinaus, daß sie 
dein Eigen werde. Du bist der Hirt der großen Völkerherde, du bist das große 
Zukunftsvolk der Erde. Drum wirf den Anker aus!" 
Es ist deswegen ganz natürlich, daß seit der Einigung Deutschlands auch 
die Bewegung, in der deutschen Volksschule vorwiegend deutsche Geschichte zu 
treiben, an Tiefe und Ausdehnung gewann und gewinnen mußte. Ja, es wäre 
nur die natürliche Folgerichtigkeit der Thatsachen gewesen, wenn man sofort nach 
dem Kaisertage in Versailles verlangt hätte: Fortan hinweg mit der Alten und 
Auslandsgeschichte! Für die deutsche Schule ist nur die deutsche Geschichte 
bildend und gut genug; denn nur die deutsche Geschichte kann die Jugend zu 
deutscher Gesinnung, Art und Sitte hinleiten. 
Es wäre ganz natürlich erschienen, wenn man nicht bloß deutsche Geschichte 
gefordert hätte für die deutsche Volksschule, nein, wenn man sogar bloß die 
neuere deutsche Geschichte, seitdem sie unverkennbar auf die „volle" Einigung vom 
Jahre 1871 hinzielte, als allein der Behandlung für wert erachtet hätte. Jeder 
Unbefangene wird und muß Fritz Bley beistimmen, wenn dieser in seiner Schrift: 
„Die Weltstellung des Deutschtums" schreibt: „Nun erst, da wir durch Bismarcks 
straffe Schule gegangen, gelernt haben, das Recht des Ichs als einer völkischen 
Gattung zu fassen, nun erst, da die Welt mit Erstaunen und furchtgemischtem 
Zorne das daseinsfreudige Sichaufrasfen des deutschen Geistes bemerkt, nun 
erst beginnt die Geschichte des deutschen Volkes als solchen!" 
Aus diesem Grunde ist es geradezu thöricht, wenn viele Geschichtslehrer 
fordern, daß der deutsche Geschichtsunterricht mit der Einigung Deutschlands im 
Jahre 1871 aufhören solle. Nein, diese Einigung war nur der Anfang, sie ist 
noch lange nicht, wie man in allen Geschichtsbüchern lesen kann, die „volle", die 
letzte, denn selbst ein Kaiser Wilhelm H. hat am 18. Januar 1896, dem 
Gedenktage zur Wiedererrichtung des Reiches, die neue Einigungsaufgabe, welche 
unserer Thatkraft noch harrt, folgendermaßen gekennzeichnet: „Aus dem deutschen 
Reiche ist ein Weltreich geworden. Überall in fernen Teilen der Erde 
wohnen Tausende unserer Landsleute. Deutsche Güter, deutsches Wissen, deutsche 
Betriebsamkeit gehen über den Ozean. Nach Tausenden von Millionen beziffern
	        

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