Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
sie muß ihm ein der Entwicklungskunst vollkommen mächtiger Lehrer allmählich 
und stufenweise erschließen. Jede Geschichtspartie, die er nicht richtig zu 
beurteilen befähigt werden kann, verdient auch keine Behandlung. Geschichtswissen 
ohne Gewissensschulung ist Ballast, geschichtlicher Sinn ohne Gesinnung undenkbar. 
Für diese höhere Stufe des Geschichtsunterrichts aber sind die Maßstäbe 
der Beurteilung, die Geschichts- und Betrachtungspunkte, die festen und unver 
rückbaren Gehaltssäulen die Hauptsache. Das war der ganze Jammer des deut 
schen Geschichtsunterrichts vor 1870, daß es an solchen Säulen und Urteils 
gesetzen mangelte, daß niemand wußte, wie und wem er es recht machen 
sollte, ob er sich auf die Seite des preußischen Norddeutschtums oder auf 
die des österreichischen Süddeutschtums stellen sollte u. s. w. Wir sind 
jetzt nicht mehr in Verlegenheit in diesem Punkte; denn wie der Handel der 
Flagge, so muß die Pädagogik der Politik folgen. Die Politik der Volks 
leitung und Volksentwicklungskunst schafft eben nicht bloß die Thatsachen, welche 
die Schule in ihrem Geschichtsunterrichte kennen zu lehren hat, sondern auch 
zugleich die Gesichtspunkte, nach denen dieselben zu beurteilen sind. Dies gilt 
mindestens für die nationale, völkische Politik uneingeschränkt. 
Aber seitdem Bismarck Deutschland in den Sattel gehoben hat, haben sich 
schon unter seiner Kanzlerschaft die wichtigsten Veränderungen angebahnt und zum 
Teil schon jetzt vollzogen. Der Geschichtsunterricht kann nicht umhin, auch 
diesem Wandel der Dinge Rechnung zu tragen. Er muß auch in diesem Punkte 
der Politik folgen. Die Pädagogik des neuen Jahrhunderts sieht unter diesem 
Zeichen, und der Geschichtsunterricht wird samt dem Erdkundenunterrichte hiervon 
zuerst und zumeist betroffen. Wir müssen auch in unserm Geschichtsunterrichte 
unsern Blick nicht nur vertiefen, sondern auch erweitern. Der Kampf zwischen 
Individualismus und Kosmopolitismus, zwischen Menschentum und Menschheits- 
tum ist längst von der Politik entschieden. Das 19. Jahrhundert war das 
Zeitalter der Gründung großer Weltreiche auf völkischer Grundlage 
mit immer mehr sich abgrenzenden und abschließenden Wirtschafts 
gebieten. Noch ist von vielen Politikern und selbst Männern der Wissenschaft 
diese Entwicklung nicht erkannt, oder wenigstens nicht anerkannt; noch sträuben 
sich viele von ihnen gleichsam mit Händen und Beinen gegen diese Thatsache, 
welche das A und O der Gesamtlebens- und Entwicklungsbedingungen des 
deutschen Reiches darstellt. Das Ende ves alten Jahrhunderts brachte die ent 
scheidende Schlußsteinthatsache, daß sich die gesamte Politik der Kulturvölker zur 
W e l t p o l i t i k erweiterte. Nicht mehr allein europäische Festlandsfragen 
beschäftigen die Europapolitik; Europa ist, seitdem sich die neuern Einheits 
staaten Italien, Deutschland, Österreich-Ungarn mit allen ihren Folgewirkungen 
gebildet haben, längst nicht mehr allein das Schachbrett, worauf die Staats 
männer in Krieg und Frieden ihre Künste erproben, nein, der ganze Erdball ist
	        

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