Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
erkennen, daß der Geschichtsunterricht des neuen Jahrhunderts die vollen und 
weitreichenden Folgerungen aus diesem Wandel der Politik und Geschichts- 
entwicklungsstuse zu ziehen hat und wesentlich von diesem Gesichtspunkte aus sich 
um- und ausgestalten wird. 
Er wird erstens der völkischen Erziehung durch die Geschichte 
noch weit mehr Rechnung tragen und mit Rücksicht darauf den Stoff auswählen 
und anordnen. Nicht mehr die rein biographische (lebensbeschreibliche) und 
sürstengeschichtliche Anordnung und Behandlung wird als allein maßgebend und 
richtig anerkannt werden; vielmehr wird sie je länger desto mehr der völkisch 
bildenden, national kräftigenden weichen. Man wird z. B. die Eindeutschungs 
geschichte des Ostens viel breiter anlegen und tiefer erfassen als bisher und dafür 
manchen alten, minderwertigen Stoff ausscheiden. Die Schlachten- und Zahlen 
kenntnis kann unbedenklich eingeschränkt werden; denn sie allein erzeugt noch lange 
keine geschichtliche Bildung und nationale Gesinnung. Gewiß halten wir den 
Zögling an, alles Schöne, Edle und Große, sowie alle guten Männer der Ge 
schichte zu ehren und zu achten; aber dennoch würdigen wir stets die Thatsache, 
daß nicht die allgemein sittliche Vorbilderlehre sein ihm einzig und allein 
zukommendes Lehrgut darstellt, sondern in viel höherm Grade die völkische 
Sittenlehre, die Erarbeitung der nationalen Gebote und Gesinnungen samt der 
politischen Naturlehre oder Staatskunde. Wenn er nun auch in dieser Hinsicht 
oft mit dem Unterrichte in der Erdkunde zusammengehen wird, so hat er doch 
vor allen Dingen das Werden und Vergehen, das Ebben und Fluten des 
deutschen Geistes zu zeigen. 
In gleichem Maße ist aber auch die heutige Weltlage, Weltstellung, Welt 
politik und Weltwirtschaft Deutschlands mit allen ihren großen Aufgaben und 
Gefahren, Vorteilen und Nachteilen, Erleichterungen und Pflichten, die mit dieser 
neuen Weltmachtsstellung untrennbar verknüpft sind, auf geschichtlichem Wege be 
greifen zu lehren. Der Geschichtsunterricht behandelt zwar zumeist das 
Geschehene, das Vergangene; aber dies nicht um seiner selbst willen, nicht bloß, 
um zu zeigen, wie es früher war, um die Neugierde zu befriedigen; er strebt 
höhern Zielen zu. Das Vergangene soll ihm ein Mittel sein, das Gegenwärtige 
erklären und die nahe Zukunft wenigstens in ihren allgemeinsten Umrissen zeigen. 
In den Tag hinein leben, ist eines Kulturmenschen, eines heutigen Staatsbürgers 
unwürdig. Die Gegenwart versteht man nicht ohne Vergangenheitskunde, aber 
ebensowenig ohne Zukunftsahnung. Die Politik der Regierung ist stets ein 
Wechsel auf die Zukunft, wenn auch auf die allernächste. Gewiß, die Schule 
muß sich vor aller Phantasterei ängstlich hüten; wo aber sich zweifellos bestimmte 
Anhaltepunkte für die zukünftige Gestaltung ergeben, so sind sie auch der 
lauschenden Jugend nicht vorzuenthalten; denn gerade diese Rücksicht auf die 
Zukunft ist ja der genaue Maßstab zur Beurteilung der Maßnahmen. Der
	        

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