Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Zur Frage des deutschen Geschichtsunterrichts. 
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Blick in die Zukunft zeigt uns das Ziel der Politik und Entwicklung, der Blick 
auf die Vergangenheit erklärt uns, daß und warum die Verwirklichung dieses 
Zieles noch mangelhaft ist. 
Hiermit sind zwei Hauptseiten des Geschichtsunterrichts gekennzeichnet, welche 
in Zukunft scharf hervortreten werden. Der Hauptteil der Geschichte ist die 
völkische, nationale, der Schlußteil die weltpolitische. Im Sinne dieser 
beiden Hauptstufen und Hauptgattungen der deutschen Geschichte ist die gesamte 
Methodik des deutschen Geschichtsunterrichts auszubauen. Mit ihnen geht die 
rein nach Seelengesetzen erfolgende lehrförmliche Ausgestaltung Hand in Hand: 
denn die inhaltlichen, wie auch die seelengesetzlich-lehrförmlichen Gesichtspunkte 
müssen sich stets die Wage halten. 
Auf den stufenmäßigen Aufbau des Unterrichts in der deutschen 
Geschichte ist noch weit mehr Bedacht zu nehmen als bisher. Nicht die allge 
mein übliche Anordnung nach konzentrischen Kreisen ist schon an sich richtig, d. h. 
der lehrplanmäßige Ausdruck der pädagogisch-psychologischen Forderungen an den 
stufenmäßigen Aufbau, sondern es ist das Nacheinander der Jahresumläufe so zu 
gestalten, daß in der That ein stufenweises Aufsteigen zu höhern Formen der 
Erkenntnis und Auffassung und Durcharbeitung zu Tage tritt. In dieser Be 
ziehung kann man Schröders Lehrplan für den Geschichtsunterricht, obgleich 
er preisgekrönt ist, nicht ohne weiteres als die Lösung der Lehrplanfrage 
anerkennen; denn wenn er auch mit Recht tadelt, alle Jahre das ganze Gebiet 
der deutschen Geschichte zu behandeln, wenn er auch dem ersten Geschichtsjahre 
keine zusammenhängende Geschichte, sondern nur einzelne und vereinzelte Geschichts 
bilder zuweist, so stellt er dem sechsten Schuljahre doch wohl zu hohe Aufgaben 
und bringt ferner im 'letzten die konzentrischen Kreise ebenfalls wieder zum 
Vorschein, ohne daß ein Streben sichtbar wird, die gegebene Stoffauswahl und 
Folge unterrichtskundlich zu beweisen. 
Die erste Lehrstufe hat geschichtlichen Anschauungsunterricht 
zu treiben, der ganz und gar dem kindlichen Standpunkte anzupassen ist. Von 
allgemeingültigen inhaltlichen Festsetzungen kann in betreff desselben keine Rede 
sein, da hier die örtlichen und landschaftlichen und sonstigen besondern Umstände 
maßgebend sind. Er fällt in die Zeit der ersten vier Schuljahre und beginnt 
mit der ersten Belehrung über das Einst im Gegensatze zum Jetzt. Es ist klar, 
daß dieser geschichtliche Anschauungsunterricht, den ich mehr als Lehrweiser denn als 
Lehrfach betrachte, der vor allem die Aufgabe hat, den geschichtlichen Sinn der 
Kleinen zu wecken und die unentbehrlichen Aneignungsgedankensippen herbeizu 
schaffen, zunächst an die Märchen anknüpft, die ich jedenfalls mit weit mehr Zu 
stimmung und Recht als eine Vorstufe des Geschichtsunterrichts in Anspruch 
nehme denn als Einleitung in die biblische Geschichte. Die Märchen versetzen uns 
in längst verklungene, alte Zeilen zurück, in Zeiten, in denen noch manches sich
	        

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