Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

412 
I. Abteilung. Abhandlungen. 
ereignete, was jetzt ausgeschlossen ist, wie z. B. daß man Waisenkinder sich selbst 
überläßt, anstatt sich ihrer anzunehmen, daß in Wäldern noch Hexen und 
Räuberbanden hausen u. s. w. Neue Nahrung erhält dieser geschichtliche 
Anschauungsunterricht durch die biblische Geschichte, sowie durch Sagen und durch 
die Heimatkunde. Besprechen wir im dritten Schuljahre unser Haus, so werden 
wir nicht unterlassen, auch zu fragen: Wie sahen früher die Häuser aus? Wir 
weisen nun die Kinder, hin auf den Unterschied zwischen alten und neuen 
Häusern, zwischen alten und neuen Stadtvierteln, wir erinnern es an die in 
Sagen und Märchen und biblischen Geschichten enthaltenen Schilderungen der 
„Hütten", „Zelte" und Häuser und gewinnen so eine anschaulich-phantasiemäßige 
Borstellung von dem Werdegange der Geschichte des Hauses, woran sich bald 
eben solche kindlich angemessene Blicke in die Kulturgeschichte der Kleidung, der 
Nahrung, der Wohnorte u. s. w. gesellen. Mit Namen und Zahlen kann man auf 
dieser Stufe die Kinder fast ganz verschonen, doch ist mindestens im vierten Schuljahre 
daraus zu achten, die Grundlage der Zeitrechnung zu erörtern. Begriffe wie 
Jahrzehnt, Jahrhundert, Jahrtausend, vor und nach der Geburt des Herrn 
Jesus, u. a. sind einzuführen und zu veranschaulichen, natürlich bei geeigneten 
Gelegenheiten. 
Die zweite Stufe bringt geschichtlichen Thatsachenunterricht. 
Man wird zwar auch noch sagenhafte, phantasiehafte Züge zum mindesten mit 
einflechten, aber doch nicht das ganze 5. Schuljahr nach Schröders Empfehlung 
vorwiegend mit solchen abspeisen. Manche derselben verweise ich übrigens schon 
ins vierte, wie den gehörnten Siegfried. Hauptziel ist, das Kind mit einem 
hinreichend großen Vorrat von geschichtlichen Kenntnissen auszustatten. Die 
lebensbeschreibliche Lehrweise kommt hier vorwiegend in Frage, denn Personen 
mit ihrem wechselvollen Schicksale erregen zuerst und zumeist die kindliche Anteil 
nahme und Erkenntnislust. Doch muß man sich stets vergegenwärtigen, daß dies 
alles nur Mittel zu einem höhern Zwecke ist. Denn wenn ich weiß, daß 
Berthold Schwarz das Pulver erfunden haben soll, so ist diese Kenntnis doch 
recht überflüssig, sobald ich später nicht die große Bedeutung dieser Erfindung 
würdigen lerne. 
Die höchste und letzte Stufe, der ich die beiden letzten Jahre zuweise, stellt 
der geschichtliche Denkunterricht dar. Zwar müssen die Kinder auf 
allen vorhergehenden Lehrstufen auch denken, aber hier weichen die rein 
persönlichen Rücksichtnahmen auf die Auffassungsfähigkeit mehr und mehr der 
inhaltlichen Vertiefung. Der Geschichtsunterricht setzt nun mit aller Kraft ein 
und sucht die Ziele, welche ihm gesteckt sind, zu erreichen. Zwar ist schon 
unzählige Male wiederholt worden, daß die Kulturgeschichte mehr als bisher 
zu berücksichtigen sei; doch muß man sich immer vor Augen halten, daß damit 
noch gar kein an sich richtiger, einwandfreier, unfehlbarer Grundgedanke für die
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.