Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Neue Bestrebungen auf dem Gebiete des Zeichenunterrichts. 415 
um diese grundsätzliche Änderung entschieden, wird sich die genaue Ausführung 
ganz von selbst finden an der Hand der Erfahrung. Aber schon jetzt wird jeder 
Beurteiler neuer Erscheinungen auf dem Gebiete der Geschichtslehrkunde sein 
Augenmerk darauf lenken, ob der neuen Richtung auch Beachtung gezollt worden 
ist. Die zweite Auflage meines praktischen Lehrbuches der deutschen Geschichte 
hat diesen Gedanken schon in vielen Beziehungen Rechnung getragen, namentlich 
in dem neu hinzugekommenen Abschnitte: Deutschlands Entwicklung im 19. Jahr 
hunderte. Noch mehr Stoff aber biete ich in meiner Schrift: Bilder aus der 
Wirtschaftskunde Deutschlands. An Stoff, auch an lehrmäßig zubereitetem Stoffe 
mangelt es nicht mehr. An der Lehrkunst und den Lehrkünstlern ist es nun, die 
Vorschläge in die Wirklichkeit zu übersetzen und das nachwachsende Geschlecht mit 
dem besten Rüstzeuge für die kommende Zeit zu versehen. Ja, die Erzieher sind 
gleich den Staatsmännern die Gestalter und Bestimmer der Zukunft. Bewahret 
sie! Führt sie herrlich hinaus! 
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens, 
Biographien, Korrespondenzen, Lehrproben, Erfahrungen 
aus dem Schul- und Lehrerleben. 
Neue Bestrebungen auf dem Gebiete des Zeichenunterrichts. 
Bis vor wenigen Jahren war es auf dem Gebiete des Zeichenunterrichts 
noch recht still. Die „Allgem. Best." hatten dieses Unterrichtsfach in den Lehr 
plan der Volksschule eingeführt, und in den 30 darauf folgenden Jahren war 
eine reiche Zahl von Zeichenwerken und Vorlagensammlungen erschienen, deren 
Stoffe, mit mehr oder weniger Sorgfalt ausgewählt, vom Lehrer auf die Wand 
tafel vorgezeichnet und vom Schüler im Hefte nachgebildet wurden. Die Auswahl 
ging, wenn sie gut war, auf Muster aus den verschiedenen klassischen Stil 
perioden zurück. Über den Zweck des Zeichenunterrichts und seine Stellung im Lehr 
plan war man sich in den wenigsten Fällen klar. 
Seit mehreren Jahren ist es indes auch auf diesem Gebiete sehr rege 
geworden. Zuerst trat Prof. Konr. Lange in Tübingen auf den Plan, deffen 
Reformpläne aber nur das Gymnasium umfaßten. Dann erschien Hirt in 
Leipzig und suchte für eine Besserung des Zeichenunterrichts auch in den Volks 
schulen zu erwärmen. Am meisten Einfluß scheinen die Hamburger zu gewinnen 
(Lichtwark, der zunächst nicht das Zeichnen im Auge hat, und Schwartz, ferner 
die Lehrervereinigung zur Pflege künstlerischer Erziehung in Hamburg, die das 
Buch des Amerikaners Tadd übersetzt und bei Voigtländer in Leipzig hat 
erscheinen lassen). Es wäre schade, wenn unter ihren Rufen die Stimme 
Jtschners in Jena ungehort verhallen sollte, schade um deswillen, weil Jtschner 
nicht den Blick allein auf das in Rede stehende Unterrichtsfach, sondern auf die 
gesamte erziehliche Thätigkeit richtet. Vorerst ist das nicht zu besorgen, allein 
der Leute, die die gesamte Erziehungsarbeit im Auge behalten, wenn sie sich auch 
für ein Gebiet besonders begeistern, giebt es nicht allzu viele.
	        

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