Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
Ich erwähne zunächst die Hamburger Bestrebungen, die wohl angeregt sind 
durch amerikanische und englische Einflüsse. Vielleicht aber ist's auch umgekehrt. 
Ihnen ist das Zeichnen eine Sprache, ein Ausdrucks mittel. Wie 
das zu verstehen ist, entwickelt der Amerikaner Tadd an verschiedenen Stellen 
seines Buches. Er sagt: „Das Bild giebt von einer Sache eine stärkere, 
intensivere Anschauung als Worte. Wer einen Vogel, ein Skelett, eine Blume, 
eine mathematische Aufgabe in einer Zeichnung darstellen kann, lernt diese Gegen- 
stände besser bemeistern, als auf irgend eine andere Weise. Durch Zeichnen 
werden alle Eindrücke lebhafter und dauernd, und dem Geiste öffnen sich neue 
Wege für die Auffassung des Wirklichen". An einer anderen Stelle heißt es: 
„Meiner Ansicht nach muß das Zeichnen in dem Sinne eines dem Sprechen 
analogen Ausdrucksmittels betrieben werden". Dieser Auffassung entsprechend 
sagt Schwartz-Hamburg in den Neuen Bahnen: „Endlich soll das Zeichnen eine 
Sprache sein, es soll das Kind befähigen, seine Gedanken und Vorstellungen 
außer schriftlich auch zeichnerisch wiederzugeben". Tadd erinnert daran, wie eine 
frühere Zeit sich der Symbole als einer Art Sprache bedient habe: „Allmählich 
ist es (das Kreuz) das Zeichen des Christentums geworden. Das Kreuz, das 
zu einer Zeit das Symbol des Leidens und der Erniedrigung war und später 
für alle Zeiten das Symbol der Vollendung und des Sieges wurde, bildet 
heute den Grundriß der edelsten Gebäude und dient zur würdigen Bekrönung 
ihrer Zinnen". „Auch der Strahlenkranz ist ein Sinnbild. Ferner sind viele 
Lebensformen als Symbole benutzt worden, z. B. die Schlange, die Taube, der 
Adler u. v. a." Tadd bedient sich auch in seinem Buche selbst des Zeichnens 
als eines Ausdrucksmittels. Eine reiche Zahl von Abbildungen führt in die 
Zeichen- und Modelliersäle und zeigt Schulklassen zeichnend, modellierend re. Da 
ist ein Schüler zu sehen, der Säulenkapitäle darstellt; Schülerinnen zeichnen 
Blätter, Blüten und Früchte von Maßliebchen und Löwenzahn; andere Schüler 
haben aus einer Wandtafel 16 verschiedene Muschelformen entworfen; noch andere 
haben 12 verschiedene Fischgestalten vorgeführt. Es ist klar, daß diese Ab 
bildungen uns besser über die Eigenart der Bestrebungen Tadds unterrichten, als 
lange schriftliche Auseinandersetzungen. 
Diese Auffassung des Zeichnens ist nun zunächst von Bedeutung für den 
Betrieb des Unterrichts. Wenn die Hand neben der Zunge ein Mittel des 
Gedankenausdrucks werden soll, dann muß sie dem Geiste auch ebenso leicht zur 
Verfügung stehn wie diese. Daher gilt es vor allem, ihrer Ausbildung die 
größte Sorgfalt zu widmen. Es werden deshalb Freiarmübungen vorgenommen, 
die eine genaue Muskelgewöhnung erzeugen sollen. Sie sollen nicht nur am 
Anfange betrieben, sondern während der ganzen Schulzeit fortgesetzt werden, 
entsprechend -den Fingerübungen am Klaviere. Und nicht etwa nur der rechten, 
sondern auch der linken Hand soll die größte Sorgfalt in der Ausbildung zuteil 
werden. Ja, Tadd läßt symmetrische Formen gleich mit beiden Händen zeichnen. 
Um den Schüler zu gewöhnen, frei aus dem Schultergelenk, ohne Auflegen der 
Hand zu arbeiten, läßt er von der Wandtafel, auf Pappdeckel die Formen 
wiedergeben. Das geschieht möglichst in einem Schwünge, ohne Stricheln, und 
die Nachbesserungen bleiben stehen. Aber auch eine reiche Zahl von Formen soll 
der Schüler kennen und — was mehr — auch beherrschen lernen. Daher legte 
Tadd sowohl als auch Schwartz großen Wert auf das Gedächtniszeichnen. Es 
muß zu dem Zwecke eine Form wiederholt dargestellt und später auch repetiert
	        

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