Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Aufgabe und Eigenart der Religionslehre. 
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daß, wenn die Schule auch machtlos ist, die leichten, seichten, oft Sitte und 
Anstand gefährdenden Lieder gänzlich zu verdrängen, sie doch wenigstens das 
erreicht, daß diese Lieder dem edlen Volksliede keinen Abbruch zu thun ver 
mögen. Dann wird der Volksgesang das werden, was er sein und werden 
muß: „Eine wahrhaft edle und veredelnde Volkskunst!" — 
II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens, 
Biographien, Korrespondenzen, Lehrproben, Erfahrungen 
aus dem Schul- und Lehrerleben. 
Aufgabe und Eigenart der Religionslehre?) 
Die „Allgemeinen Bestimmungen" stellen dem evangelischen Religions 
unterricht die hohe Aufgabe, „die Schüler in das Verständnis der Heiligen 
Schrift und in das Bekenntnis der Gemeinde einzuführen, damit sie befähigt 
werden, die Heilige Schrift selbständig lesen und an dem Leben sowie an dem 
Gottesdienst der Gemeinde lebendigen Anteil nehmen zu können." Damit wird 
dem Religionsunterricht ein rein praktischer Zweck gesetzt, der Zweck, die 
Bethätigung christlichen Lebens anzuregen und zu pflegen. Und zwar sind mit 
dieser Fassung zwei wesentliche Merkmale echten religiösen Lebens getroffen. 
Sucht nämlich das religiöse Bedürfnis Stärkung, Zucht und Erbauung, sucht es 
Gemeinschaft mit Gott. so wendet es sich zunächst an die Heilige Schrift, um 
Gottes Geist mit sich reden zu lassen. Und andrerseits, besinnt der Christ sich 
daraus, daß er nicht einen mönchischen Privatumgang mit Gott zu pflegen hat, 
sondern in einer Gemeinde steht, durch die er zum religiösen Leben gekommen 
ist und darin gehalten und gepflegt wird, so ist er auch darauf angewiesen, „an 
dem Leben sowie an dem Gottesdienst der Gemeinde lebendigen Anteil zu nehmen." 
Beide Bestimmungen erweisen sich also als ebenso inhaltreich und das Wesen der 
Religion umfassend, wie sie schlicht sind. 
Die Heilige Schrift soll der Schüler „selbständig" zu lesen befähigt 
werden. Dazu gehört nicht nur eine bedeutende Ausdehnung des religiösen 
Vorstellungskreises, sondern auch schon ein hohes Maß von persönlichem religiösen 
Interesse. Das selbständige Lesen der Heiligen Schrift ist bereits eine hervor 
ragende Äußerung eigenen religiösen Lebens, eines wirklichen Verkehrs mit Gott. 
Ebenso zielt das andere Merkmal darauf, das christliche Personleben zu 
wecken und zu pflegen. Der Schüler soll in das Bekenntnis der Gemeinde 
eingeführt, also angeleitet werden, selbst in das Bekenntnis seiner erwachsenen 
Mitchristen einzustimmen, sich aus eigenem Herzen zu der Wahrheit zu bekennen, 
Die dritte Auflage meiner Schrift „Ein Wort zur Kate ch is mus f r ag e* 
(Gotha, Thienemanns Hofbuchhandlung) wird demnächst erscheinen. Aus der völligen 
Neubearbeitung teile ich hier einige Abschnitte des 1. Kapitels mit. Die Ausführungen 
berühren sich mit dem entsprechenden Aufsatz in der Einladungsschrift zur XXII. Haupt 
versammlung des Vereins für Herbartsche Pädagogik und dem Vortrag „Das Problem 
des Religionsunterrichts" im 40. Jahrg. des Ev. Schuld!., S. 361 ff. 
von Rohden.
	        

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