Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
zu der die Gemeinde sich bekennt. Bekennt also die Gemeinde sich zur Gottheit 
Christi, so kommt es bei der Einführung des Schülers in das Bekenntnis nicht 
darauf an, daß er diese Lehre als richtig einsehen und anerkennen lernt, sondern 
darauf, ob er mit Thomas von Herzen zu Christus wird sagen können: Mein 
Herr und mein Gott. Er muß also angeleitet werden, Jesum so kennen zu 
lernen, daß er in dieses Bekenntnis des Thomas und der Gemeinde mit ein 
stimmt, — nicht nur dem zustimmt. Dieses Bekennen ist also erst recht ein 
Akt persönlichsten religiösen Lebens, ein praktisches Ergreifen Christi als des 
Heilandes und Herrn. — Und vollends das praktische Ziel dieser Einführung in 
das Bekenntnis der Gemeinde, daß nämlich die Schüler befähigt werden, an 
dem Leben der Gemeinde lebendigen Anteil zu nehmen! Welch ein unermeß 
liches Gebiet thut sich da auf! Der Schüler soll lernen, an den verschiedenen 
Lebensäußerungen der christlichen Gemeinde lebendigen Anteil zu nehmen! Der 
Gottesdienst wird ausdrücklich genannt. Da ist der mannigfaltige Ausdruck der 
christlichen Frömmigkeit im Gemeindegesang, dann im Sündenbekenntnis, im 
Gebet, im „Heilighalten, gerne Hören und Lernen" des Gotteswortes, in der 
priesterlichcn Fürbitte u. s. w.: an allem soll der Schüler allmählich lebendigen 
Anteil nehmen lernen. Dazu kommen dann ferner besonders die heiligen Hand 
lungen, namentlich des Schülers eigene erste Abendmahlsfeier, die Teilnahme an 
Taufen, zumal etwa als Pate, an Trauungen, Beerdigungen, an der Einführung 
der Gemeindeältesten, an den Missions- und Gustav-Adolsfesten, an der kirch 
lichen Feier von Kaisers Geburtstag und andern kirchlichen Festveranstaltungen — 
welch eine Fülle von christlichem Leben und welch ein Reichtum und eine Tiefe 
des Unterrichts, wenn der Schüler wirklich befähigt wird, an alledem lebendigen 
Anteil zu nehmen! Ferner aber kommt das ganze weite Reich der christlichen 
Liebesthätigkeit in Betracht, auf die schon die Missions- und Gustav-Adolffeste 
hinwiesen, aber doch vorzugsweise die lebendige und persönliche Liebesthätigkeit 
innerhalb der Gemeinde selbst. Und damit hängt dann die Pflege aller Bürger 
tugenden aufs innigste zusammen. 
Vermag es die Schule wirklich, in dieser umfassenden Weise zum Anteil 
nehmen an deni Leben der Gemeinde zu befähigen, so ist sie selbst die erste und 
vorzüglichste Pflegerin des Gemeindelebens, wahrlich keine gering zu schätzende 
Aufgabe! Danach erzöge die Volksschule, kurz gesagt, selbst die lebendigen Ge 
meindeglieder, die christlichen Persönlichkeiten, aus denen die Gemeinde 
bestehen sollte. Denn auf die Persönlichkeit ist es im letzten Grunde abgesehen. 
Lebendiges Anteilnehmen an dem Gemeindeleben ist etwas durch und durch Per 
sönliches. ebenso wie das christliche Bekenntnis nur aus der Tiefe der Persönlich 
keit emporsteigen kann. 
Fassen wir also beide Momente zusammen, so dürfte es wohl am zu 
treffendsten heißen; die evangelische Volksschule soll im Religionsunterricht per 
sönliche Jünger Jesu erziehen, die sich zu Gott dem Vater in Christo bekennen 
und sich in ihrem Leben als Nachfolger des Heilandes innerhalb der Gemeinde 
bewähren lernen. 
Halten wir nun diese doppelte Bestimmung für unsere weitere Untersuchung 
über Art und Kunst des Katechismusunterrichts fest: Die Religionslehre hat 
einen durchaus praktischen Zweck — wie die christliche Religion selbst durch 
aus praktischen Charakters ist, „die eminent praktische Angelegenheit des mensch 
lichen Geistes, nicht eine theoretische" (Kaftan) — und, was mit diesem ersten
	        

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