Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Aufgabe und Eigenart der Religionslehre. 
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Merkmal in Wechselwirkung steht, sie zielt auf die Heranbildung einer christlichen 
Persönlichkeit ab. Demnach muß der Religionsunterricht den Schüler per 
sönlich anfassen, den ganzen Menschen ergreifen, darf keineswegs in verstandes 
mäßiger Belehrung, in Überlieferung von Kenntnissen bestehen. Der Religions 
unterricht ist verfehlt, der den Schüler kalt läßt, der nur seinen Intellekt in 
Anspruch nimmt; zwecklos ist er, wenn er es ablehnt, auf Erweckung von 
Religiosität abzuzielen. Damit ist weder der gefühlsseligen Salbaderei noch der 
methodistischen Treiberei und einem durchaus nicht kindesgemäßen Bekehrungseifer 
das Wort geredet. Gefühl und Wille sollen vielmehr durch die klare, nüchterne, 
dem Kinde faßbare Borstellung gebildet werden. 
Aber welche Vorstellung? Nichts Geringeres als der l e b e n d i g e G o t t soll 
in der Religionslehre vorgestellt, mit Gott selbst sollen die Schüler bekannt ge 
macht werden! Dieser erhabene Gegenstand des Religionsunterrichts neben seiner 
oben festgestellten Aufgabe giebt ihm eine ganz besondere Eigenart vor allen 
andern Unterrichtszweigen. Diese haben es mit meßbaren Formen oder greif 
baren Erfahrungen zu thun. Die Religion aber „schaut ins Unermeßliche und 
durch keinen Erfahrungsbegriff Erreichbare hinaus" (Herbart). Die Vorstellung 
also, mit der der Religionsunterricht vor allem arbeitet, kann nicht als ab 
geschlossen oder auch nur der Hauptsache nach als fertig und sattsam begrenzt 
(definierbar) betrachtet werden. Die Religion ist kein Gegenstand für den Philo 
sophen oder Wissenschaftsmenschen als solchen, sie ist und bleibt Sache des 
Glaubens und des Herzens, und es war ein verhängnisvolles Unterfangen der 
Spekulation, wenn sie den Glauben an Gott in ein Wissen verwandeln wollte. 
Die Religion hat es nicht mit Kultur und Welterkennen, mit dem, was sich un 
absehbar entwickelt, zu thun, sondern mit dem, was da immerdar Menschliches 
bleibt, mit den überall gleichen Bedürfnissen und Strebungen des Menschen 
herzens. Denn die Menschheit mag unaufhaltsam fortschreiten, sagt Goethe, der 
Mensch bleibt doch immer derselbe. Und dieses Ewig-Menschliche ist eben Aus 
gangspunkt und Ackerfeld der Religion. Sie ist nun und niemals Wissens-, 
sondern Ge w i s s e n s sa ch e. Gott läßt sich nicht mit dem Verstände fasten, 
wohl aber im Gemüte fühlen und verehren. Gott will nicht begriffen, 
sondern angeschaut und angebetet sein. Der begriffene Gott ist ein 
toter Gott. Der Gottesbegriff ist ein Produkt menschlicher Spekulation, ein Ge 
bilde menschlicher Vernunft, während der Mensch in seinem nach Gott suchenden 
innersten Wesen eine Schöpfung Gottes ist, Gottes Ebenbild darstellt. 
Das einfache Grundprincip für das Lehrversahren des Religionsunterrichts 
ist demnach dies, daß die Schüler, um mit Gott in Berührung gebracht zu 
werden, mit gotterfüllten Persönlichkeiten bekannt gemacht wer 
den. vor allem natürlich mit dem, in dem Gott sich in vollkommener Weise 
für Menschen anschaubar gemacht hat, dem, der von sich sagen darf: Wer mich 
siehet, der siehet den Vater. Freilich würde auch wiederum Christus 
selbst samt allen Gottesmännern der Vergangenheit auch bei dem psychologisch 
sorgfältigsten Unterricht den Schülern unverständlich, unerkennbar bleiben, wenn 
er ihnen nicht durch religiös lebendige Persönlichkeiten und Erlebniste der Gegen 
wart, durch Erfahrungen ihres eigenen Lebens vorstellbar wird. Vor allem 
natürlich durch die Persönlichkeit des Religionslehrers selbst. So wenig eine 
Glasstange etwas von der Wirkung, also dem Dasein der elektrischen Kraftquelle 
spüren läßt, so wenig kann eine religiös leblose Persönlichkeit den Schüler mit
	        

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