Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Aufgabe und Eigenart der Religionslehre. 
47 
Respekt vor der Gesinnung, die ihr Leben dem Dienste Gottes und der Mit 
menschen weiht. Sie nehmen mit innigster Sympathie an den Kämpfen und 
Leiden der Buren teil, und mit dieser herzlichen Teilnahme verbindet sich un 
auslöschlich die Vorstellung, daß das Leute sind, die nicht aus Fürsten und Ver 
bündete, sondern auf den lebendigen Gott ihr Vertrauen setzen. Sie hören von 
Feuerwehrleuten und andern Leuten, die ihr Leben eingesetzt haben für ihre 
Brüder. Mit Andacht bleiben meine Kinder bei dem Gang über den Friedhof 
stets an dem schlichten Grabmal eines jungen Arztes stehen, der sein Leben ein 
büßte bei der glücklichen Rettung eines Kindeslebens. — Sodann giebt es in 
dem gesunden Kindesleben selbst eine Fülle von Erlebnissen entweder unmittelbar 
religiöser Art oder solche, die nur gedeutet zu werden brauchen, um religiös ver 
standen zu werden: die kleinen und großen Nöte im Leben des Kindes, die es 
persönlich zu Gott treiben, von ihm Hilfe und Rat zu erbitten; das Gefühl 
der Leere nach einer großen Freude, auf die es seit langem alle Empfindungen 
gespannt hatte/) das Gefühl, das ihm sagt, daß alle irdische Freude das 
Menschenherz doch nicht auszufüllen, voll zu befriedigen vermag; die unwill 
kürliche Empfindung des Abscheus beim Sehen von schlimmen Scenen, auch in 
bildlichen Darstellungen oder beim Hören von bösen Thaten, die Mitsreude an 
Schönem und Gutem, das es bei andern miterlebt — alle diese und ähnliche 
Erfahrungen und Erlebnisse der Kinder sind die Quellen, die vom Katecheten 
zart und geschickt benutzt werden können, um religiöse Vorstellungen und Grund 
sätze daraus abzuleiten. Sie sind zum mindesten der Resonanzboden, der not 
wendigerweise vorausgesetzt werden muß, wenn man die religiösen Erlebnisse 
anderer, vorbildlicher Menschen ihnen verständlich machen, wenn man sie mit 
gotterfüllten Persönlichkeiten bekannt machen will. 
Wenn überhaupt, so ist es nur auf diese Weise und unter dieser Voraus 
setzung möglich, religiöses Verständnis zu erzielen. Gelingt es nicht, die Be 
trachtung des inneren Lebens der vorbildlichen Persönlichkeiten zu dem Person 
leben des Katechumenen selbst in irgendwelche Beziehung zu setzen, die Saiten 
ihres eigenen inneren Lebens zum Mitklingen zu bringen, dann ist auch die 
sorgfältigste Anschauungsvermittlung und eindringendste Behandlung biblischer 
Geschichten verlorene Liebesmühe. Nur dann ist es möglich, die Schüler mit 
dem lebendigen Gott in Berührung zu bringen oder was dasselbe ist, sie von 
der Wirklichkeit Gottes zu überführen, wenn sie aus ihrem eigenen Innern eine 
Empfindung für das Walten Gottes im Menschenleben entgegenbringen. Nur 
so wird ihnen Gott gegenwärtig; und ein anderer als ein gegenwärtiger Gott 
kann ihnen ja nichts nützen; wird „der Gott unserer Väter" nicht auch unser 
eigener Gott, kann uns alles Vor- und Nacherzählen der frommen Vätergeschichten 
nichts helfen. 
Wir kommen also auch auf diesem Umwege wieder auf den praktischen und 
persönlichen Zweck alles Religionsunterrichts zurück: der Katechumen muß stets 
und immer lebendiger das Bewußtsein bekommen: m6a res agitur. Aus diese 
einfache, eigentlich so selbstverständliche Forderung zielt ja die ganze neuere 
') „Es war wunderschön," erzählt ein Kind seiner Mutter am Abend nach einem 
großen Schulfeste, dem es sich mit der ganzen Lebhaftigkeit und Genußfähigkeit seiner 
Natur aus vollem Herzen hingegeben hatte, „und wir haben viele, viele Freude gehabt, 
aber ich weiß nicht, ich weiß nicht, wenn man sich so arg auf etwas freut und wenn 
man dann auch die Freude hat, es fehlt einem dann doch noch etwas."
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.