Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
Pädagogik mit ihrem Grundsatz einer „psychologischen Methode" ab, so 
weit sie auf den Gefinnungsunterricht Anwendung findet. Darin liegt keinerlei 
Geheimlehre, so sehr der Unverstand sich auch an dieser Idee der psychologischen 
Methode zu reiben sucht; sondern es ist nichts natürlicher, selbstverständlicher als 
dies, daß jeder Unterricht „sachgemäß" erteilt werden soll. d. h. der Natur 
des Gegenstandes und der Natur des Schülers gemäß. Tritt der Lehrer in 
seinem Unterrichten nicht mit der Seele des Zöglings in Fühlung, weiß er 
seinen Gegenstand nicht so vorzuführen, daß der Zögling sich seiner innerlich 
bemächtigen, ihn sich aneignen kann, dann ist der Unterricht eben verfehlt. Der 
Religionsunterricht hat viel zu lange ein mit dem übrigen Geistesleben des 
Kindes gar nicht in Beziehung stehendes, ihm innerlich fremd bleibendes Gebiet 
angebaut; die Früchte waren dementsprechend kläglich. Das Lehrverfahren muß 
wie überall, so besonders in der Religionslehre ein kindesgemäßes werden 
Uber Erziehung. 
Nach vr Johannes Müller-Schliersee. 
Im neuesten Heft seiner Grünen Blätter spricht sich der bekannte 
christliche Wanderredner Dr. Ioh. Müller in sehr bemerkenswerter Weise über 
Schul- und Erziehungsfragen aus. Er fürchtet, daß er es durch diesen Freimut nun 
auch mit den Lehrern verschütte, wie er es zuvor mit den Ärzten und Theologen 
verdorben habe. Unsern Lesern wird, denke ich, diese allerdings recht „starke 
Speise" vielmehr nur ein Anreiz sein, den Verfasser und seine „Blätter zur 
Pflege des persönlichen Lebens" näher kennen zu lernen, falls er ihnen noch un 
bekannt ist. Hier folgen einige Auszüge. Vielleicht giebt es später noch mehr 
davon. von Rohden. 
Es ist eine wahnsinnige Verblendung, alle Klagen und Anklagen gegen die Schule 
auf Überempfindlichkeit der Eltern für ihre verwöhnten oder unbegabten Muttersöhnchen 
zurückzuführen. Diesem Unterfangen setze ich und mit mir gewiß viele die eigene Er 
fahrung entgegen, die wir in unserer Jugend machten. Die meisten Eltern ahnen ja 
garnicht einmal, wie ihre Kinder unter der Schule leiden. Denn sie leiden ohne zu 
klagen. Sie sehen in der Schule, wie sie ist, von vornherein viel zu sehr ein unab 
wendbares Verhängnis, als daß sie versuchen würden, sich dagegen aufzulehnen, und 
ahnen zu wenig von den untilgbaren verwüstenden Folgen, unter denen sie zeitlebens 
leiden werden, um außerstande zu sein, sich damit zu trösten, daß die schreckliche Zeit 
einmal vorübergeht. Gewiß leiden nicht alle Kinder unter der Schule. Es giebt unter 
den Jungen einen geringen, unter den Mädchen einen ziemlich hohen Prozentsatz von 
Naturen, die sich in den Schulen, wie sie gegenwärtig sind, wohl fühlen und darin ge 
deihen. Aber den meisten ist sie eine Qual, die man sich nach Möglichkeit zu erleichtern 
sucht und im übrigen mit Widerwillen und Erbitterung erduldet. Für^iese Menschen 
quälerei, für die unsere Civilisation noch keine Dchutzvereine und Schutzmaßregeln 
kennt, sondern sie mit derselben religiösen Inbrunst betreibt wie die frühere Barbarei 
ihre Kinderopfer, giebt es auch nicht die Entschuldigung, daß sie zum Besten der ge 
marterten jungen Wesen sei. Denn sie ist nur zu ihrem Übel. — — ' 
Ich gebe auch gern zu, daß unsere Schulen vielleicht so vorzüglich und, als )ie es 
überhaupt fern können. Aber sie sind als solche im Grunde durch und durch verfehlt. 
Denn sie ruhen auf einer Methode, die für menschliche Wesen unbrauchbar und ver 
derblich ist. Dafür berufe ich mich auf die Lehrer. Denn diejenigen unter ihnen, die
	        

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