Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Über Erziehung. 
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nicht Unterrichtsautomaten, sondern lebendige Menschen sind, leiden unter ihr ebenso 
wie ihre Schüler, die sie mit dem ganzen Einsatz ihrer Persönlichkeit vor ihrer ver 
nichtenden Wirkung zu bewahren suchen. Deshalb hilft hier keine Reform, sondern 
allein eine grundsätzliche Umkehr. 
1. Es ist allgemein anerkannt, daß unsere Schulen die menschliche Entwicklung der 
Jugend nicht fördern, sondern schädigen. Aus der ganzen Schar wundervoller Kinder, 
die alle als eigenartige, ursprüngliche und feurige, lebensfrohe und lebenskräftige Er 
scheinungen von ihr verschlungen werden, macht sie binnen wenigen Jahren durch ihren 
so vorzüglich funktionierenden Betrieb eine fade, schlaffe, gelangweilte und interesselose 
Gesellschaft, wo alle genialen und originalen Keime erstorben oder verkümmert sind. 
Dieselben herrlichen Kindergestalten sind zehn, zwölf Jahre später mehr oder weniger 
blutarme uno wurmstichige, blasierte und stumpfe, greisenhafte und nervös übermüdete 
Geschöpfe ohne jugendlichen Überschwang der Kräfte, ohne heroischen Lebensdrang, ohne 
Flug und Leidenschaft des Geistes, ohne Lebensmut und Abenteuerlust. Alle die jungen 
Bäche, die munter, krystallklar, in eigentümlicher Farbe leuchtend, bald murmelnd, bald 
schäumend hervorspringen, werden im Flachland der Schule zu einer großen, trägen 
Flut, in der alle Eigenart untergeht. Alle höheren Interessen und Ziele sind von 
praktischem Materialismus, Strebertum und Eitelkeit verschlungen. Sie haben das 
Suchen verlernt und wußten auch gar nicht, was sie suchen sollten, sie sind auf dem besten 
Wege, sich zu braven, geriebenen oder genußsüchtigen Bildungsphilistern auszuwachsen. 
Alan sehe sich nur unsere Studenten an und höre die Klagen ihrer Professoren, wie sie 
leben und studieren, wie gleichgiltig ihnen Wahrheit und Kultur, Kunst und Wissenschaft 
gegenüber oer Berechtigung für irgend eine Lebensstellung mit Pensionsberechtigung ist. 
Man achte nur auf die geistige Ode und Stumpfheit, auf die barbarische Unbildung 
und Fachbeschränktheit unserer akademisch gebildeten Kreise in ihrer Stammtisch 
atmosphäre, Familiensimpelei oder Beamtengespreiztheit. Und man denke endlich an 
den peinlichen Mangel bedeutender Persönlichkeiten, unter dem wir heute auf allen 
diesen Gebieten leiden. Das danken wir in erster Linie unseren berühmten Schulen 
und der geisttötenden und entseelenden Verwüstung unserer Jugend durch sie. 
2. Es ist eine ebenso allgemeine Erfahrung, daß die Schulen heutzutage der Ju 
gend so wenig ursprünglich lebendiges Verständnis und tiefes, begeistertes Interesse für 
das, was sie ihr lehren, zu wecken verstehn, daß sie ihr im Gegenteil alles verekeln, 
was sie ihr nahe bringen. Wer interessiert sich, wenn er glücklich dem Gymnasium 
entronnen ist, noch für die wunderbare Kultur Griechenlands, wer schöpft noch aus 
dem Jungbrunnen des Christentums und ahnt etwas von der Herrlichkeit der mensch 
lichen Bestimmung, die es uns offenbart? Wer hat noch ein Auge für die Schönheit 
der Pflanzenwelt bis in ihre unscheinbarsten Erscheinungen, wer verfolgt noch die Ge 
setze der Natur auf allen Gebieten, wer versteht noch Geschichte und hat Sinn für die 
Probleme der Kultur, wer lebt noch in den Schöpfungen unserer Klassiker? — — 
Unsere Schulen sind alle in ihrer Einrichtung auf Massendrill und nicht auf 
individuelle Pflege, Erziehung und Bildung angelegt. Sie stehen auf dem unhaltbaren 
Satze von der Gleichheit aller Menschen und nehmen in ihrer Einrichtung keinerlei 
Rücksicht auf die persönliche Verschiedenheit der Kinder, so sehr man es im Betriebe 
selbst versuchen mag. Sie sind also in ihrer Anlage wider die Natur und begründen 
damit die verwüstenden Folgen, die jede Auflehnung gegen die Thatsache und Gesetze 
der Natur nach sich zieht. 
Schon die Aufnahme in die Schule vollzieht sich viel gewaltsamer und mechanischer 
als selbst die Aushebung zum Militär, obwohl es sich hier um geistige Ausbildung 
handelt, die doch viel weniger eine gleichmäßige Schultüchtigkeit voraussetzen kann. 
Dort herrscht Auswahl, hier wird alles unbesehens tauglich befunden. Dort kann man 
eine Reihe Jahre zurückgestellt, der Reserve überwiesen oder gänzlich ausgemustert wer 
den. Hier werden alle, die das vorgeschriebene Alter haben, zwangsweise genommen 
und, so verschieden sie auch sein mögen, in ein und dieselbe Klasse gepfercht. Gewiß, 
es giebt einen Fall, wo ein Kind zurückgestellt werden kann, wenn ein ärztliches 
Zeugnis die körperliche Schwächlichkeit bescheinigt. Aber der Geist und seine Entwick 
lung ist in jeder Beziehung dabei ein quaatite aegligeable. Das Tollste aber für 
jeden vernünftig denkenden Menschen ist, daß auch im ganzen Fortgang der Schul 
erziehung die elementarste Bedingung jeder gedeihlichen Geistesbildung, die Sonderung 
der Verschiedenartigen und die Auslese der Hervorragenden niemals Geltung gewinnt. 
Der verschiedene Grad der Begabung wird nur als Hemmnis empfunden, die ver- 
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