Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
schiedene Art der Begabung scheint aber auch nicht einmal geahnt zu werden. Denn 
für alle herrscht derselbe Lehrplan, und für alle wird er in gleicher Weise traktiert. 
Die Schwachen leiden dabei unter den Klugen und die Klugen unter den Schwachen. 
So sinkt die „Geistesbildung" zur Überladung des Gedächtnisses mit fremdartigem 
Wissen und zur Übung einer oberflächlichen Geschicklichkeit im sprachlichen Radebrechen 
und in der Lösung mathematischer Aufgaben herab, die sich ebenso schnell wieder ver 
liert, wie die eingeprägten Kenntnisie verschwinden. 
Je höher die Schule, um so mehr steigt das Mißverhältnis. Am schlimmsten steht 
es mit den Gymnasien und Realgymnasien. Welch eine Vergeudung der herrlichen 
Jugendzeit! Um das geringe Ziel dieser „Reife" für die Universität, das jede höhere 
Tochter privatim bequem in drei Jahren erreicht, zu erlangen, müssen unsere Jungen 
bis zum 19. oder 20. Jahre ununterbrochen täglich ungefähr sechs Stunden in der 
Schule sitzen und noch drei bis 4 Stunden daheim arbeiten. Hätten wir nicht den 
Massenunterricht, und beschränkte man sich darauf, die jungen Leute in das Verständnis 
einzuführen und zu selbständiger Bemächtigung der Gegenstände anzuleiten, statt ihnen 
bis zur obersten Klasse alles vorzukauen und einzutrichtern, dann reichten zwei Stunden 
täglichen Unterrichts bequem aus, dann gäbe es keine Langeweile, keine Zerstreutheit 
und Träumerei, dann gäbe es freies, fröhliches Arbeiten daheim und eine Fülle freier 
Zeit für die Ausbildung des Körpers, der jetzt einer zweifelhaften Geistesdressur zum 
Opfer gebracht wird, und für die so wichtigen persönlichen Liebhabereien, in denen sich 
die eigentümlichsten Anlagen offenbaren und die spätere Berufswahl vorbereitet. 
Rach meiner Überzeugung aber, daß die Bestimmung der Menschen nicht zunächst 
darin besteht, durch irgendwelche Berufsthätigkeit ein nützliches Glied der menschlichen 
Gesellschaft zu werden, sondern Mensch zu werden, muß das Ziel aller Kindererziehung 
und jeden Schulunterrichts in allererster Linie die allseitige Erziehung und Bildung des 
jungen Menschen sein: Leben lernen und auch einer werden. Die Rücksicht auf eine 
künftige Berufsausbildung muß vorläufig überhaupt ausgeschaltet werden, weil sie die 
reine Bildung des jungen Menschen nur stört, und darf es, weil einer, der an sich 
etwas geworden ist, mit gesammelter Energie und tiefem Interesse sich leicht jede be 
rufliche Vorbildung verschaffen wird, auf die ihn seine Anlagen weisen und infolge 
seiner persönlichen Reife den künftigen Beruf viel umfassender in seinen Studien be 
gründen, ihn tiefer erfassen und viel ursprünglicher und geistesmächtiger erfüllen wird. 
Daß die berufliche Fähigkeit durch die allgemeine Menschenbildung nur steigt und nicht 
sinkt, dafür liefert die Gegenwart den negativen Beweis. Denn seit unsere höhern 
Schulen sich immer mehr darauf beschränkt haben, die geistigen Fähigkeiten für wissen 
schaftliche Thätigkeit auszubilden, sind die allgemeinen Jnteresien der Studenten auf 
ihr Spezialfach zusammengeschrumpft, das Ziel ihrer Studien das Examen geworden 
und jede ideale Auffassung ihres Berufes in eigennützigem Strebertum untergegangen. 
-Der Mangel an starken, rückgratkräftigen und geistesmächtigen Persönlichkeiten in allen 
Berufssphären ist ein notwendiges Ergebnis davon. 
Dann gilt es, das gesunde Werden jedes menschlichen Wesens in seiner wunder 
vollen Einzigartigkeit zu fördern, den ganzen Menschen zu wertvollem Sein und 
ursprünglichem Können zuführen, sein Selbst- und Weltbewußtsein sich weiten und ver 
tiefen zu lassen, und es mit der Sonne der Wahrheit zu erleuchten, ihn durch rechte 
Behandlung und Belehrung in die Lebenskunst einzuführen, durch Selbstzucht freie 
Selbständigkeit gewinnen zu lassen, den ganzen Reichtum seiner besonderen Anlagen zu 
erschließen und ihnen die geeigneten Werdebedingungen zur völligen Entfaltung und 
kräftigem Wachstum zu verschaffen. — — 
Es giebt allenthalben Tierschutzvereine und eine lebhafte Agitation gegen die Vivi 
sektion, aber die unsagbare Werdenot und Qual der Kinder in Haus und Schulen läßt 
völlig ungerührt. Es giebt Hochschulkurse für alle Gebiete des Wissens und Könnens, 
aber über Kindererziehung belehrt niemand die Menschen. 
Im allgemeinen wirkt unser Schulunterricht nicht erzieherisch und kann es nicht, so 
wie er ist. Das beweist zunächst das Verhältnis der Schüler zu den Lehrern, wie es 
gegenwärtig herrscht, dann die Rolle, die die Strafen im Schulwesen spielen, immer 
ein Zeugnis der Unfähigkeit im Erziehen, dann die Strafmittel, als da sind: hundert 
mal abschreiben „du sollst nicht . . .", Nachsitzen, überflüssiges Auswendiglernen oder 
Rechnen u. s. f., ferner die Art des Unterrichts, mag er sich nun in Form ärgerlicher 
Gereiztheit, nervöser Ungeduld, feldwebelartiger Instruktion oder persönlicher Gleichgiltig 
keit und sachlicher Kälte vollziehen, weiter der unpersönliche Verkehr mit den Schülern
	        

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