Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Über Erziehung. 
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vom Rechtsstandpunkte des Vorgesetzten aus und schließlich das Aufpeitschen des 
Interesses durch Examina, das Anfeuern des Wetteifers durch Erregung der Eitelkeit 
und Ehrsucht, und wie die unsittlichen Erziehungsmittel alle heißen. 
Macht man aber gegen alle diese Klagen und Anklagen den Einwand der ver 
schlafenen Trägheit und des gesättigten Behagens geltend, aus unseren Schulen gingen 
doch gleichwohl eine große Anzahl ausgezeichneter Menschen hervor, so antworte ich mit 
dem innern Vorbehalt, daß meine Ideale andere sind als ihre, zunächst: trotz der 
Schule — und dann: Was wißt ihr denn davon, welch' eine Fülle herrlicher Menschen 
aus dem Boden unsers Volkslebens erstehen würden, wenn nicht ihr Keimleben in der 
Familie entartete, und der Schulreif in den Frühling ihres Lebens fiele! Das ahnt 
nur der, der Blick für die Kleinsten hat und etwas von den Wundern und Verheißungen 
spürt, die sie alle in sich bergen. Der weiß, wenn sie zur Entfaltung und Verwirk 
lichung kämen, würden die Menschen erst wirklich der Herrlichkeit ihres Wesens und des 
Wertes ihres Lebens inne werden, der weiß, die Menschwerdung liegt nicht hinter uns, 
sondern vor uns. 
Deshalb kann man nicht früh genug mit der Erziehung beginnen, jedenfalls lange 
schon vorher ehe man ein Kind hat. Beginnt man erst dann damit, so ist schon das 
meiste versäumt: die Grundlegung der Erziehung. Denn die Voraussetzung einer guten 
Erziehung ist die gute Erzeugung, und woran es hier fehlt, ist durch keine noch so vor 
treffliche Erziehung nachzuholen oder wieder gut zu machen, und wenn ein Engel vom 
Himmel käme. 
Nichts fördert so die Selbständigkeit, Sicherheit und Reife, als der große Respekt 
vor sich selbst, als dem werdenden Träger und Schoß eines neuen Lebens. Unter der 
freiwilligen Selbstzucht vor Vergeudung und Ausschweifung wächst die Manneskrast auf 
allen Gebieten und stählt sich die sittliche wie körperliche, persönliche wie geistige Kon 
stitution nach allen Richtungen. Wir wissen ganz genau, daß die Selbstzucht der Keusch 
heit in der Jugend die schaffende und gestaltende Kraft beim Manne in höchster Span 
nung allenthalben hervorbrechen läßt, in der Bildung und Stählung des Charakters 
wie in der Macht des Willens, in der Schärfe und dem Tiefblick des Verstandes wie 
in der genialen Conception, in der Schönheit der Seele wie in der Gesundheit, Lebens- 
cnergie und Pracht des Körpers und in der ganzen elastischen Leistungsfähigkeit der 
stürmischen Jugend. So bringt die Natur selbst durch die Leben schaffende Zeugungs 
kraft zunächst den Menschen selbst zur höchsten Blüte, die möglich ist. heilt aus, veredelt, 
kräftigt und verschönt das unzulängliche Gebilde bis zur höchsten unter dem obwaltenden 
Erbe der Vergangenheit möglichen Vollkommenheit, wenn er ihr gehorcht, ehe sie ihn 
dann mit Macht treibt, mit einem andern Wesen den Sinn des Lebens zu er 
füllen. — — 
Natürlich möchten die Eltern, daß ihre Kinder mehr seien, als sie selbst: nur ge 
trost: sie werden es sein. Denn durch die ganze Fortpstanzung der Menschen geht ein 
elementarer Zug nach aufwärts. Wäre der nicht vorhanden, so wäre die Menschheit 
ja längst in ihrer Verwilderung unö Erkrankung zu Grunde gegangen. Das ist sie 
nicht, weil die Natur trotz aller Hemmungen unbändig nach Ursprünglichkeit, Kraft und 
Vollendung drängt. Das zeigt uns jedes Kind in der ersten Zeit seines Daseins: es 
ist ein höheres Wesen, es ist reiner, reicher und vollkommener, als seine Eltern es sind. 
Es ist nicht ein bloßes Produkt seiner Eltern, sondern es ist ein Mehr als sie. Darum 
dürfen alle, die der Zukunft ihrer Kinder in ihrer Jugend gelebt haben, getrost der 
Früchte ihres Lebens warten. Sie werden über sich hinaus schaffen und von ihren 
Kindern sagen können: wohl ihnen, daß sie Kinder sind, denn sie werden weiter kommen, 
als es uns möglich war! — — 
Ein fauler Baum kann nicht gesunde Früchte bringen. 
Wir sollten uns heiligen für diesen höchsten Gottesdienst des Lebens, wo wir ge 
würdigt werden, Organe des göttlichen Schaffens zu werden, und alles andere ihm 
unterordnen. Statt desien ist aber unsere heutige Unnatur des Lebens ein fortgesetztes 
Verbrechen gegen das keimende Leben, eine unausgesetzte Hemmung und Schädigung 
der kommenden Generation. — — 
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