Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens re. 
Ausblicke. 
1. Die Ursachen der Minderbegabunq von Schulkindern. 
(Vortrag, gehalten auf der 12. deutschen Naturforscher- und Ärzte-Versammlung in 
Aachen, September 1900, von vr. m6d. Schmid-Monnard, Halle-Saale.) 
Schmid - Monnard hat die 125 Kinder der Halleschen Hilfsschule für 
Schwachbefähigte untersucht mit Unterstützung der Lehrerschaft, der Armenver 
waltung und eines Nerven-, eines Ohren- und eines Augenspecialisten. Schwach 
befähigte Schulkinder sind solche, welche zwar unterrichtsfähig sind, aber nicht 
beanlagt zur erfolgreichen Mitarbeit mit normal beanlagten Kindern. Sie waren 
in Deutschland 1898 in über 7000 (?) sogenannten Hilfsklassen untergebracht 
mit einem geringeren Lehrziel. Die größere Hälfte dieser Kinder wird durch 
diesen Sonderunterricht nach ihrer Entlassung erwerbsfähig. Das Augenmerk 
wurde gerichtet auf die Ursachen der geringeren Befähigung in der Hoffnung, 
einen Weg zu finden, wie die geistigen Leistungen dieser Kinder zu heben sind. 
Es fand sich, daß alle nicht nur geistig, sondern auch körperlich minderwertig 
sind und in denkbar ungünstigsten äußeren Verhältnissen leben. Sie stehen hinter 
den normalen Altersgenossen an Länge und Gewicht im Durchschnitt um 1—l 1 ^ 
Jahr zurück, in einzelnen Fällen sogar um 4—5 Jahre. Geistig stehen sie auf 
der Stufe eines 2—4 jährigen Kindes, und nur bei l js der schwachbegabten 
Schüler findet man leidliche Leistungen. Für die mangelhafte körperliche Ent 
wicklung sind die traurigen häuslichen Verhältniffe (Armut, hohe Kinderzahl, 
Kränklichkeit der Eltern) verantwortlich zu machen. 40 °/o der Eltern waren 
moralisch zu beanstanden, und es ist charakteristisch, daß aus Trinkersamilien fast 
nur schlechte Schüler hervorgehen, während der größte Prozentsatz wenigstens 
mittelmäßiger Schüler ordentlichen Familien entstammt. 
Das Hörvermögen war nur in 1 jio aller Fälle normal (!), etwa in 1 i 
Flüstersprache nur unter 4 m Entfernung. Wichtig ist die ungemeine Häufigkeit 
der Nasenrachenwucherungen, die meist in recht ansehnlichem Umfang bei 4, s aller 
Kinder nachzuweisen waren. Erfahrungsgemäß wird durch deren Vorkommen die 
Fähigkeit aufzumerken und damit die geistige Leistung herabgesetzt. Einem 
solchen Material gegenüber müssen die Ärzte, die Schule und die Gesellschaft 
Stellung nehmen. S.-M. schlägt vor, 'bei solchen Kindern die Nasenrachen 
wucherungen operativ zu entfernen, um die geistige Leistungsfähigkeit zu heben. 
Natürlich hat dies nur Aussicht aus Erfolg bei Kindern, deren Nervensystem 
nicht durch Abstammung von sittlich entarteten Eltern bereits unheilbar krankhaft 
verändert ist, also bei den Kindern ordentlicher Familien. Der Anfang mit 
diesen Operationen ist bereits in Halle gemacht worden. Zum andern dürfen 
die Kinder nicht wie bisher erst nach zweijährigem Sitzenbleiben in die Hilfs 
schule verwiesen werden, sondern spätestens Jahr nach Schulbeginn. Schließ 
lich sind mit Hilfe eines Nervenarztes die immer noch darunter vorkommenden 
völlig blödsinnigen Kinder aus dem Kreise der Schwachbefähigten zu entfernen. 
S.-M. schließt mit den Worten: „Man sieht, welch ein krankhaft geborenes und 
krankhaft gewordenes Kindermaterial in unsern Hilfsschulen existiert, deffen geistige 
Leistungsfähigkeit zum Teil noch zu verbesiern ist, und wie notwendig hier eine ärztliche 
Untersuchung und Beratung, wie notwendig hier die Anstellung eines Schularztes ist." 
(Nach einem kurzen Bericht des Verfasters in den .Pädagogisch-psychologischen Studien", 
herausgegeben von vr. M. Brahn in Leipzig.)
	        

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