Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

Die neue deutsche Rechtschreibung. 
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bisher gebrauchten Schulbücher nicht in Frage stellen würden. — Das Ergebnis 
der Beratungen hat dann der „Rechtschreibungskonferenz" zur Grundlage gedient, 
die im Sommer 1901 im Reichsamt des Innern in Berlin getagt hat, und 
zu welcher sachverständige Vertreter der deutschen Bundesstaaten sowie Österreichs 
eingeladen waren. Wenn auch die Vorschläge und Beschlüsse dieser Versammlung 
amtlich noch nicht veröffentlicht sind, so sind sie doch in ihren Hauptzügen durch 
die Tageszeitungen schon bekannt geworden. 
Die wichtigste Neuerung ist die Beseitigung des th im Anlaut aller 
deutschen Wörter. (Tür, Träne.) Leider ist diese Änderung nicht auch auf 
die Lehnwörter ausgedehnt worden. (Thron, Thermometer.) 
Auch bei den Dehnungen finden wir nur geringe Abweichungen von der 
früheren Schreibung; ie ist aufgegeben in gib, gibst gibt, dagegen beibehalten in 
den Zeitwörtern mit der Endung ieren (regieren) und in den Dingwörtern, in 
welchen es bislang üblich war. (Spiel.) Die Dehnung durch Verdoppelung 
des Selbstlautes ist beschränkt worden auf: Aal, Aar, Aas, Haar, Paar, Saal, 
Saat, Staat, — Beere, Beet, Geest, Heer, Klee, Krakeel, Lee, leer, Meer, 
Reede, (Rhede), scheel, Schnee, See, Seele, Speer, Teer — Boot, Moor, 
Moos — dagegen: verheren. 
Bezüglich der Mitlaute sind keine nennenswerten Veränderungen eingetreten. 
Auf pH, th, rh ist in Fremdwörtern nicht verzichtet worden (darum auch Thron). 
In der Schreibung der Fremdwörter soll der Grundsatz gelten, eingedeutschte 
Wörter auch in deutscher Art wiederzugeben, also c durch k oder z zu ersetzen. 
(Konfession, Konzert, aber dennoch: Thorn!) Vor betontem Selbstlaut oder nach 
k wird ti beibehalten (Nation, Aktie) aber vor unbetontem e durch zi ersetzt. 
(Grazie.) 
Eine Lösung der schwierigsten Aufgabe, die Regeln des verworrensten Ab 
schnittes unserer Rechtschreibung, nämlich die über den Gebrauch des großen 
Anfangsbuchstabens zu vereinfachen, hat sich als unmöglich erwiesen, wie aus 
einem in dem „Rostocker Anzeiger" veröffentlichten „Briefe" hervorgeht, der 
auch hier seine Stelle finden möge. 
Liebe Nichte Josephine! 
Im stillen habe ich schon gedacht, daß Du die Geschichte in aller Stille einschlafen 
lassen würdest. Dein Brief belehrt mich jedoch eines Bessern, das thatsächlich das 
beste ist. Ich muß Dir nur recht geben, daß, wenn Du Recht suchst, auch der Richter 
Recht sprechen wird, und Du doch schließlich recht behalten mußt. Nicht tust Du 
unrecht. Du würdest sogar ein Unrecht begehen, wenn Du die Angelegenheit nicht ins 
reine bringen würdest, nur bitte ich Dich, Dich in acht zu nehmen und Dein Gesuch 
ins Reine zu schreiben. Dann wird der Richter nichts außer acht, ja nichts außer 
aller Acht lasten, und so imstande sein, zu lesen und genau zu prüfen, ob Du auch im 
stände bist, Dein Recht zu führen. Es nimmt mich wunder, daß Dein Gegner glaubt, 
Wunder was zu sein, ganz abgesehen davon, daß ich erfahre, daß er in Nöten ist. 
Es ist durchaus nicht von nöten, daß andere dies misten, also schweige. In Deinem 
ruhigen Leben trett es nicht zu Tage, daß heutzutage die Welt im argen liegt, ob 
gleich Du selbst ohne Arg bist, und hätte ich nicht Angst, so würde mir zu guter 
Letzt angst werden. Zum letzten rate ich Dir namens Deiner Verwandtschaft, den 
Anwalt, Namens Müller, zu Rate zu ziehen, welcher sehr gut deutsch spricht, denn er 
hat Deutsch gelernt. Er wird Dir gewiß noch ein Näheres sagen, Du mußt ihn nur 
des näheren und des breiteren darüber aufklären. Genannter Herr ist der Erste in 
der Klasse der Vertreter, er ist der höchste und strebt zum Höchsten, allerdings sollen 
die ersten die letzten sein. Gewiß wird er Dich auf das genaueste vertreten, das übrige
	        

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