Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

90 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
tun, und so die Sache ins Gleiche bringen helfen. So hast Du Dir nichts zu schulden 
kommen lassen, und Du hast keine Schuld. Auch bist Du bis auf weiteres alles 
Weiteren überhoben, denn das weitere findet sich von selbst. Aul diese Weise wirst 
Du in der Kürze des kürzeren erzählen können, daß Du den kürzeren gezogen. Dann 
wird es etwas Kleines sein, daß Du bis ins kleinste darüber im klaren sein kannst, 
ob Du recht darin hattest, und mit Recht bist Du dann beruhigt. Solltest Du ver 
lieren, so wirst Du wohl aufs äußerste erschrecken, jedoch zum Äußersten kann es bei 
Dir nie kommen. Andernfalls hast Du Dein Schäfchen im trockenen. Dein Gegner 
wird sich in der Folge hüten, die Sache von frischem anzufangen, infolge besten wird 
er Dich in Frieden lassen. Dies wäre im wesentlichen, was ich Dir zu sagen hätte, 
weiter weiß ich nichts Wesentliches. Ich will Dir gern zu Willen sein und bin daher 
willens, am Tage des Termins bei Dir zu sein. Ob man Dein Vorgehen ins lächer 
liche ziehen wird? Laß das das mindeste in der Sache sein. Das nächste ist, daß ich 
das Nachstehende wünsche: Schlafe heute nacht süß, damit Du über Nacht Deine 
Sorge vergißt. Dein Onkel Rudolf. 
Schreiber, Setzer und Leser seufzen, nicht minder Lehrer und Schüler, hat 
es doch den Anschein, als ob es auch ferner in Rücksicht auf den großen Anfangs 
buchstaben so viele deutsche Schreibungen geben sollte als es schreibende Deutsche 
giebt. Die „Mittelschule" (Schroedel- Halle) knüpft an den Abdruck dieses 
lieblichen Briefes die Bemerkung, daß der Lehrer, der seine Schüler so weit ge 
fördert hat, daß sie dieses Diktat ohne Fehler schreiben, gerechten Anspruch auf 
Verewigung in Marmor habe! 
Es ist darum nicht verwunderlich, wenn die bis jetzt lautgewordenen Urteile 
über diese unsere „neue" Rechtschreibung fast ausnahmslos Enttäuschung, ja 
hier und da Entrüstung zeigen. Auf diesen Ton sollen jedoch die hier noch 
folgenden allgemeinen Bemerkungen nicht gestimmt sein, sondern es soll versucht 
werden, auf die lichteren Seiten der Bestimmungen und auf die dadurch möglichen 
Aussichten auf weitere Besserung hinzuweisen. 
1. Einen — wenn auch negativen — Gewinn der Neuordnung sieht 
Prof. Dr Brenner München (nach der Zeitschrift des Allg. Deutschen Sprach 
vereins, auf welche hier nebenbei empfehlend hingewiesen sei) darin, daß wiederum 
der Beweis erbracht sei, daß unter Beibehaltung des jahrhundertealten Schuttes 
eine gesunde Fortentwicklung der deutschen Rechtschreibung ausgeschlossen ist. 
2. Eine positive Förderung zeigen jedoch die wenn auch verhältnismäßig 
geringen Verbesserungen, indem sie alle im Sinne der lauttreuen Schreibung ge 
faßt sind. 
3. Es ist endlich eine Einigung der auch bisher zersplitterten. amtlichen 
Schreibungen erreicht. Süddeutsche und preuß. Formen sind in eine einheitliche 
Fassung gekommen. Dieser Vorteil ist für uns Lehrer besonders erfreulich gegen 
über der bisherigen Unsicherheit. Wir kommen damit in unsern Schulen doch 
zu einer gewissen Ruhe. 
4. Auf Grundlage dieser wenn auch nicht vollendeten, ja nicht einmal all 
gemein befriedigenden, aber doch wenigstens einheitlichen neuen deutschen Recht 
schreibung hat das deutsche Volk auch ein nationales Interesse daran, daß dieser 
neuen Ordnung der Dinge nun auch allgemeine Geltung und unbedingte An 
erkennung auf allen Gebieten der schriftlichen Darstellung verschafft werde. Wir 
würden dann auch nicht mehr einen Schulrat haben, der außerhalb der Schule 
ein Schulrath ist. Den Behörden, Druckereien und vor allen den Zeitungen 
erwächst hier die dankbare Aufgabe, nach Kräften dazu beizutragen, „daß die
	        

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