Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

III. Abteilung. Litterarischer Wegweiser. 
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Hinsichtlich der Auswahl des Stosses wendet sich der Verfasier gegen die Stücke 
in trockenem, lehrhaftem Ton und verlangt volkstümlich-anschauliche Darstellung. 
Er bringt eine Menge gut gewählter Beispiele, hauptsächlich aus Schweizer Lesebüchern: 
doch schießt er im Eifer für die gute Sache einigemal arg über das Ziel hinaus. So 
erinnert er z. B. an Attinghausens Mahnung: Ans Vaterland, ans teure, schließ dich 
an rc. und meint, es könne durch dies Wort keine Vaterlandsliebe geweckt und gestärkt 
werden, weil das Sittliche nicht in der abstrakten Form der Idee wirksam sei. Wenn 
das Wort ohne anschauliche Grundlage geboten wird, schwebt es freilich in der Lust: 
aber man lasse es einmal lesen, wenn das Herz des Schülers an einem Beispiel 
glühender Vaterlandsliebe warm geworden ist, dann wird es, weil für die abstrakte 
Form ein greifbarer Inhalt gegeben ist, schon seine Wirkung thun. Das Lied des 
Fischerknaben im „Tell" hält er für besonders schwierig, weil der Grundgedanke zu 
hoch sei. Ich weiß nicht, welchen Gedanken er hier meint, da ich persönlich immer 
ohne einen sogen. Grundgedanken ausgekommen bin, aber ich glaube, die Schwierigkeit 
läßt sich heben. Wie mär's denn, wenn wir auf ein langes Reden und Reflektieren 
ganz verzichteten und nach einer eingehenden Vorbereitung das Gedicht einsach als 
solches wirken ließen? Oder sollte es gar nicht ohne Grundgedanken gehen? — Auch 
die Worte: „Da hört er ein Klingen wie Stimmen der Engel im Paradies" beanstandet 
der Verfasier. Warum denn? Ist es für ein Kind so schwierig, sich ein liebliches 
Singen und Klingen wie von Engelstimmen vorzustellen? Weiter verlangt doch der 
Dichter gar nichts. Ja, das Kind giebt sich vielleicht der Vorstellung des Dichters 
inniger und ungeteilter hin, als mancher Erwachsene, denn — es faßt naiv auf, und 
bas ist hier die Hauptsache. 
Hat sich der Verfasier in derartigen Beispielen zweifellos vergriffen, so sind andere 
desto treffender. Um auf die innere Unwahrscheinlichkeit in manchen Lesestücken hin 
zuweisen, führt er u. a. die bekannte Fabel von den beiden Pflugscharen an, die sich 
ein Landmann kauft, um mit der einen zu ackern und die andere nach allen Regeln 
einer lehrhaften Geschichte in der Ecke verrosten zu lassen. 
Zu der Frage, ob litterarische Erzeugnisie verändert werden dürfen oder nicht, 
nimmt der Verfasier eine vermittelnde Stellung ein. Veränderungen können, so führt 
er aus, nötig sein, aber sie müsien mir großem Takt vorgenommen werden und dürfen 
niemals Wesentliches betreffen. In einem besonderen Abschnitt wird das Wirksame 
der natürlichen, anschaulichen Volkssprache im Gegensatz zum gekünstelten Papierdeutsch 
hervorgehoben. Sehr viel Bedeutung schreibt der Verfasier auch einer Beschränkung der 
Stoffmenge zu. „Richt mit Massen, sondern mit Maßen." ..Die Auswahl erfordert vor 
allem Beschränkung auf das, was der Bildungsstufe des Schülers entgegenkommt und 
ihn nur stufenweise über sie hinaushebt." 
Das Schlußwort endlich führt die Ursache der meisten Mißgriffe darauf zurück, 
daß die Lesebuchherausgeber den psychischen Entwicklungsgang der Kinder zu wenig be 
rücksichtigen und nicht selten mit fertigen Methoden und Systemen an die Arbeit 
herantreten. 
Man wird das Buch mit Nutzen lesen: namentlich aber kann es denjenigen einen 
Einblick in die Sache gewähren, die die einschlägige Litteratur der letzten Jahre in ihren 
bedeutsamsten Erscheinungen nicht im einzelnen haben verfolgen können. 
Közle, I. F. Gottlob, Welche Anforderungen sind an ein Schullesebuch zu stellen? 
Stuttgart 190i, Belsersche Verlagsbuchhandlung. 74 S. 
In der nachfolgenden Besprechung soll der Inhalt des voliegenden Buches nur 
soweit in Betracht kommen, als es allgemeiner Natur und von allgemeinem Interesse 
ist, was sich darin auf speciell Württembergische Verhältnisie bezieht, möge un 
berücksichtigt bleiben. 
In der Frage, wie das Lesebuch beschaffen sein müffe, citiert der Verfasser die 
ganz rückständige Meinung eines Landschullehrers. Derselbe schreibt: . Ich halte das 
für das beste Lesebuch, das sämtlichen Stoff, der in der Schule behandelt werden soll, enthält, 
so daß man an der Hand des Lesebuchs unterrichten kann. Am leichtesten unterrichte 
ich immer, und den besten Erfolg hat mein Unterricht nur dann, wenn ich ein Lesestück 
erklären, durchsprechen, abfragen und ein dutzendmal lesen lassen kann: kurz gesagt, 
wenn's durch's Auge und Ohr ins Innere dringt. Daneben her lernen die Kinder 
noch fein — lesen." Man gewinnt zunächst die Ansicht, als ob der Verfasser dagegen 
nichts einzuwenden hätte, später aber erklärt er sich erfreulicherweise mit den Stimmen 
einverstanden, die im Gegenteil dem Lesebuch eine von den übrigen Lehrfächern völlig 
freie, selbständige Stellung einräumen.
	        

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