Full text: Evangelisches Schulblatt - 46.1902 (46)

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m. Abteilung. Litterarischer Wegweiser. 
Die siebente Abteilung beschäftigt sich mit Lesebüchern für ausgewanderte Deutsch., 
mit Lesebüchern aus der Herbartichen Schule, mit jüdischen und socialdemokratischen 
Lesebüchern, mit Lesebüchern für Sonntags- und Fortbildungsschulen, für Präparanden- 
schulen und Seminare. Dann folgt eine abschließende Betrachtung und ein ausgedehntes 
Namensregister. 
Man ersieht aus dieser knappen Inhaltsangabe, welch ein reicher Schatz für Be 
lehrung in dem ausgedehnten Gebiete zur Besprechung kommt. Für die Beurteilung 
eines Gegenstandes ist seine geschichtliche Entwicklung, wie oben gesagt, von größter 
Bedeutung. Insbesondere bewahrt eine solche Kenntnis davor, daß ältere falsche 
Richtungen auch jetzt etwa wieder eingeschlagen und bewährte Ziele verkannt oder über 
gangen werden können. 
Hin und wieder wird man ja Gelegenheit zu Ausstellungen finden. So ist z. B. 
das Flüggesche Lesebuch wohl etwas zu breit behandelt. Aber das ist aus dem Wohn 
ort des Berfasiers erklärlich. Andere Lesebücher treten an verkehrter Stelle auf und 
empfangen dadurch eine ungerechte Beleuchtung, so das Mühlheimer Lesebuch von Tops. 
Dieses erschien 1782, also sechs Jahre nach dem Rochowschen Kinderfreund. Bünger 
kennt nur die Auflage von 1816, schiebt es auch zeitlich dahin, obschon es 34 Jahre 
vorher erschienen und der Verfasser bereits seit n Jahren verstorben war, und kommt 
dadurch zu einem absprechenden Urteil. Offenbar steht aber das Buch weit über dem 
Kindersreund und zwar gerade dadurch, daß Tops manche Litteraturstücke aufgenommen 
hat, was doch von Bünger bei anderen Büchern als lobenswert angeführt wird- So 
hat Tops Stücke von Geliert, Gleim, Lichtwer, Hölty u. a. aufgenommen. Bünger 
macht das mit dem Ausdruck „eine Abteilung Gedichte" ab und bezeichnet kurz das Buch 
als „moralisierend-realistisch." 
Natürlich konnte nicht jedes Lesebuch besprochen werden. Aufgefallen ist es mir, 
daß das Lesebuch für Volksschulen von Ricken und Schüler, welches in den Bezirken 
Koblenz, Düsseldorf. Aurich und in Westfalen sehr verbreitet war und in den Jahren 
1855—1877 28 Auflagen erlebte, gar keine Erwähnung gefunden hat. Geheimrat 
Landsermann hat es in einem amtlichen Bericht, den er dem Minister über ein jetzt 
sehr verbreitetes Lesebuch erstatten mußte, für das beste Volksschullesebuch erklärt. 
Aber diese kleinen Ausstellungen wollen nicht viel besagen gegenüber der vielfachen 
Belehrung, die uns in der Büngerschen Geschichte des Lesebuches geboten wird und die 
uns so manches unter den Fuß giebt, was die bunte Mannigfaltigkeit der verschiedenen 
Lesebücher heller und klarer erkennen und beurteilen lehrt. Und da der Vers, unsern 
Blick nicht auf die Bücher eines einzelnen Staates richtet, sondern alle Lesebücher hervor 
zuziehen sucht, die für Kinder deutscher Zunge geschrieben worden sind, liefert er uns 
ein reiches Bild aller Bestrebungen, die für die Gestaltung dieses Buches, das „die 
Lücke zwischen Fibel und Bibel ausfüllen soll" irgendwo aufgetreten sind oder auf 
treten müffen. 
Seite 535 spricht der Verfasser davon, ob die Vereinheitlichung des Lesebuchs deffen 
Fortbildung hindere. Er glaubt, diese Frage verneinen zu sollen: „Wir geben uns 
keineswegs der Täuschung hin, daß das vorhandene Lesebuch annähernd vollkommen sei, 
aber einen wirklichen Fortschritt wird nur ein Lesebuchreformator, ein für diesen Zweck 
begnadigter großer Mann erzeugen: der Lehrerfleiß wird nur in Kleinigkeiten beffern, 
und diese sehr wünschenswerten Verbesserungen werden nach wie vor in den neuen 
Auflagen geschehen können." Den Autoreneifer weist er auf das Gebiet der niedern 
Mädchenschulen, Fortbildungsschulen u. s. w. hin. Abgesehen von der etwas stark fata 
listischen Erwartung eines „begnadigten Lesebuchreformators" hätte der Verf. doch 
wohl einigen Rat darüber geben können, wie der Lehrerfleiß seine Wünsche zu den Ohren 
der Lesebuchverfasser bringen soll. Auch hätte er wohl die mitgeteilten Äußerungen 
von mehreren Personen, daß die von Lehrervereinen herausgegebenen Bücher eine be 
sondere Steuer für die Kasse den Eltern auferlegten, als irrtümlich abweisen können. 
Aber vielleicht ist dem Verf. die Entstehung dieses Irrtums nicht bekannt. 
Schließlich kehren wir zum Anfang unserer Besprechung zurück, wo wir unsere 
Freude über das Erscheinen des Buches ausdrückten. Die Verlagsbuchhandlung hat in 
einer Anzeige das Buch als „Bibliothekswerk" bezeichnet. Es wäre höchst wünschens 
wert, wenn die Bibliotheken der Schulinspektionskreise sich recht bald zur Beschaffung 
eines Werkes entschlössen, welches über ein so wichtiges Schulbuch Aufschluß zu geben 
imstande ist, wie wir ihn anderswo in solchem Maße nicht erhalten können. 
Rh. 
A. H.
	        

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