Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
3n diese Arbeit sind die beiden Mannheimer Herren mit allem Ernst ein 
getreten. Auf dem ersten internationalen Kongreß für Schulhygiene, der im 
April d. I. in Nürnberg tagte, haben sie die Resultate ihrer Arbeit vorgelegt 
und ihre Vorträge durch den Druck jedem zugänglich gemacht?) Sie verdienen 
die ernstlichste Beachtung. 
Di*. Sickinger geht von dem Gedanken aus, daß die geistige Arbeit ebenso 
wie die körperliche ein Doppelantlitz trägt, daß sie namentlich dem werdenden 
Menschen ebensowohl zum Fluch wie zum Segen werden kann. 
„Richtig bemessene Arbeit ist das wertvollste Mittel, den in der Entwick 
lung begriffenen Menschen in den wirklichen Besitz der ihm von der Natur und 
den Verhältnissen verliehenen Kräfte zu setzen, seine Organe durch umfassende 
Betätigung zur vollen Gesundheit und Leistungsfähigkeit herauszubilden. Un 
richtig bemessene Arbeit führt entweder zur Überspannung oder zur Verkümmerung 
der jugendlichen Kräfte; das eine wie das andere bedeutet Schwächung der 
Arbeitsfähigkeit, Schädigung der leiblichen und geistigen Gesundheit des jugend 
lichen Individuums, Vergeudung des wertvollsten nationalen Besitztums. Arbeit 
bedeutet für den jugendlichen Organismus geistige Nahrung. Von der geistigen 
Nahrung aber muß wie von der leiblichen Speise gefordert werden, daß sie in 
Quantität und Qualität den Grundverhältnissen des individuellen Organismus 
adäqüat sei." So ergibt sich ihm die Forderung: „Die in der Unterrichtsarbeit 
verlangte Leistung muß zu der vorhandenen Leistungskraft in angemessenem Ver 
hältnis stehen." 
Dr. Moses sagt, daß die Pädagogik mit Recht die Nachteile eines Miß 
verhältnisses zwischen Arbeitsforderung und Arbeitskraft hoch anschlage. „Der 
Arzt aber erblickt in dem Mißverhältnis zwischen Anforderung und Leistungs 
fähigkeit, wie es das uniformierte Schulsystem bei zahllosen Kindern erzeugt, eine 
schwere Gefahr für die körperliche und geistige Gesundheit." 
Von dem Sitzenbleiben erwartet er für manche Kinder eine Verarmung 
ihres intellektuellen und ethischen Interesses und eine unheilvolle Verbitterung 
ihres Gemütes. Oft erfolge das Sitzenbleiben, weil das Haus es an An 
spornung habe fehlen lassen. „Hätte eine solche Anspornung stattgefunden, so 
wären vielleicht die Avancementsverhältnisse bessere, die Erfolge für die geistige 
und körperliche Gesundheit wahrscheinlich aber ungünstigere gewesen." 
Wenn das Kind durch längere Krankheit in Gefahr gekommen ist, sitzen zu 
bleiben, so versucht man wohl, das Versäumte nachzuholen. „Wenn man aber 
die schwächenden Folgen kennt, welche gerade die im Kindesalter häufigen 
i) Organisation großer Schulkörper nach der natürlichen Leistungsfähigkeit der 
Kinder. Von vr. A. Sickinger. — Das Sonderklassensystem der Mannheimer Volks 
schule. Ein Beitrag zur Hygiene des Unterrichts. Von 0r. meä. Julius Moses. 
Beide Mannheim, I. Bensheimer. Preis je 0,80 M.
	        

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