Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
sehen. Der genial schaffende Künstler mußte glücklich den Augenblick erfassen, da ihn 
die Muse küßle, sonst war sein Werk trotz aller Selbstqual kein Kunstwerk. Aber 
nicht nur die Könige der Geister müssen bei ihrem Bauen mit ihrem Befinden 
rechnen, auch die untergeordnetsten Kärrner können sich des Einflusses ihrer 
Stimmung auf ihre geistigen Leistungen nicht entziehen. Sollen Kärrnern wie 
Königen Geistesleistungen, die eine Konzentration der Persönlichkeit erfordern, 
gelingen, so müssen sie zu denselben gut disponiert sein: müssen sie das Gefühl 
der Befreiung von etwas Selbstwerdendem, das Gefühl der Herrschaft über alle 
auf die Arbeit gerichteten Gedankenreihen und der Leichtigkeit in der Voll 
ziehung der Gedankenverbindung empfinden. 
Wie so oft, hat die Volksseele auch diese psychischen Vorgänge genau beobachtet 
und treffend bezeichnet. Der Volksmund kennt die Macht der Stimmung über 
den Menschen, denn er redet von Leuten, die „mit dem linken Bein zuerst auf 
gestanden sind," die „wohl den linken Strumpf verkehrt anhaben;" er neckt diejenigen, 
denen „die Petersilie verhagelt zu sein scheint," denen „etwas über den Weg ge 
laufen ist," und gibt den Rat, das Verhallen gewissen Menschen gegenüber 
danach einzurichten, wie denselben die „Haube", bezw. die „Mütze" stehe. 
Der Volksmund gibt damit sprichwörtlich der Verwunderung Ausdruck, in 
die man versetzt wird, wenn man an einem Menschen einen Seelenzustand 
beobachtet, der das ganze Wesen des Menschen als völlig verändert erscheinen 
läßt; der den Menschen ohne erkennbaren Grund quer zu der ihn umgebenden 
Welt stellt, so daß er sie unter anderem Gesichtswinkel betrachten muß, als 
sonst, „und gar nicht natürlich in die Welt hineinsehen kann;" der einzelne Gebiete 
seiner Psyche verschließt, Fähigkeiten derselben aufhebt oder die gangbarsten 
Fahrstraßen der Seele so mit Hindernissen versperrt, daß sich die Hemmung 
der psychischen Prozesse als „längere Leitung des Denkens" nach außen hin 
bemerkbar macht. 
In unserem Zeitalter der Nervosität offenbart sich die gesteigerte Ab 
hängigkeit jeder geistigen Arbeit von der Stimmung, dem augenblicklichen Befinden 
an fast jedem Menschen. Der Gebildete unsrer Zeit weiß aus eigener Erfahrung, 
daß die Art seiner Geistesarbeit abhängig ist von der Stimmung, in welcher 
dieselbe geleistet wird. Sowohl bei den produktiven, als auch bei den rein 
apperzeptiven Geistesleistungen ist ein bestimmter Zustand der Psyche notwendige 
Voraussetzung einer erfolgreichen, völlig zufriedenstellenden Arbeitsleistung. Wie 
wir nicht immer aufgelegt sind, eine bestimmte geistige Arbeit auszuführen, sind 
wir nicht immer gestimmt, eine Tragödie oder ein Lustspiel zu sehen, einen Vor 
trag zu verfolgen oder in Gesellschaft platte Geistreichigkeiten anzuhören und zu 
ertragen. Wie wir in Zeiten ungünstiger Disposition mit Unbehagen empfinden, 
daß das Blut in unseren Adern dickflüssig, schwerfällig pulst und der Gedanken 
ablauf sich zäh und schleppend vollzieht; wie wir uns in diesen Zeiten nicht auf
	        

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