Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Dispositionsschwanklmgen bei Kindern. 
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zuringen vermögen zu dem gewohnten Überschauen und Beherrschen sonst ge 
läufiger Stoffgebiete und in unseren Schlußfolgerungen, in unserem Verhalten 
und in unserem Auftreten unsicher werden, so fühlen wir uns in Stunden 
günstiger Disposition leicht und frei, gewinnen wir ohne weiteres die Herrschaft 
über Gedankenreihen, die uns vorher fremd schienen oder in unbegrenzter Breite 
zerfloffen, und hebt uns eine gewisse Sicherheit im Denken und Handeln zu dem 
Gefühl empor, daß wir uns „auf der Höhe" befinden. Und wie die Neigung 
oder Stimmung zu einer bestimmten geistigen Arbeit trotz ungünstiger Neben 
umstände ein gutes Resultat bewirken kann, vermag die Abneigung oder Un 
stimmung gegen eine andere das geringste positive Resultat trotz günstiger 
Nebenumstände unmöglich zu machen. 
Diese Neigung oder Abneigung, Stimmung oder „Unstimmung" (Goethe) 
sind nicht immer entsprechende Begleitzustände des körperlichen Befindens; sehr 
oft entsteigen sie unbekannten Quellen. Sie sind da und beherrschen den 
Menschen. Zu ihrem Erscheinen im letzten Grunde vielleicht durch nebensächliche 
Umstände, zufällige Ereignisse und Gedanken veranlaßt, werden sie oft durch 
ebensolche Gelegenheitsveranlassungen beseitigt, wenn sie nicht das ganze Geistes 
leben des Menschen mit Zähigkeit behaften. Von der Beschaffenheit des 
Nervenmaterials hängt es dann ab, ob der Wille das Befinden gewaltsam auf 
den jeweiligen Zweck der Geistesarbeit einstellen kann, ob noch die Elastizität 
der Jugend vorhanden ist, eine Leistung zu ermöglichen, gleichgiltig, ob die Seele 
auf diese rein gestimmt ist oder nicht, ob sie Neigung zu dieser Leistung 
empfindet oder Abneigung. 
Es bedarf keiner Erklärung, warum bei Erwachsenen mit gesunder 
Körper- und Geistesverfassung Zustände der Unstimmung selten und schnell 
vorübergehend auftreten und der Wille mit Erfolg und ohne nachteilige 
Wirkung für das spätere Befinden dem Zustande entgegenwirken kann, 
warum dagegen Nervöse, körperlich und geistig Geschwächte oder Schwache, Ge 
sunde, die Zeiten geistiger Anspannung und Abspannung zu überstehen haben, 
intensivere Zustände der Unstimmung oder Abneigung ertragen müssen und 
denselben viel öfter ausgesetzt sind, warum der Wille des Nervösen oft nicht 
ohne Steigerung des Gesamtzustandes strenge Selbstzucht üben kann. Je nach 
Lage des Falles wird es Aufgabe der Selbstzucht, der anteilnehmenden Umgebung 
oder des Arztes sein, erhebliche und oft auftretende Stimmungsdifferenzen bei 
Erwachsenen abzuschwächen und zu verhindern. 
Von einer gewissen allgemeinen Bedeutung aber ist die Tatsache, daß Zu 
stände der Unstimmung, der ungünstigen Disposition nicht nur bei Erwachsenen 
beobachtet werden, sondern auch schon im Leben des Kindes eine Rolle 
spielen und besonders bei kranken und schwachen Kindern nicht
	        

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