Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Zum neuen Jahre. 
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Infektionskrankheiten lange über die eigentliche Rekonvaleszenz hinaus in dem 
physischen und psychischen Habitus des Kindes hinterlassen, begreift man den Ver 
stoß gegen die Hygiene, der in dem überstürzten Nachholen und Nacharbeiten 
liegt." Nachhilfestunden müssen schon deshalb bedenklich erscheinen, weil es dock 
sehr fraglich ist, ob man die Zurückgebliebenen noch über die normale Unterrichts 
zeit hinaus beschäftigen darf. Wahrscheinlich bewirkt schon die Ermüdung geringen 
Erfolg. Hanke-Görlitz sagt: „Nachhilfestunden für Schwache sind geradezu 
schädlich, etwa wie erhöhte Nahrungszufuhr für Magenkranke." 
Dr. Moses faßt sein Urteil dahin zusammen: „In dem üblichen ein 
heitlichen Schulorganismus bleibt die kardinale hygienische 
Forderung der Berücksichtigung der Individualität unerfüllt. 
Der einheitlich zugeschnittene Lehrplan und Lehrgang wird 
auch ausgedehnt auf die große Zahl der vorübergehend oder 
dauernd infolge physiologischer, psychologischer, pathologischer 
oder sozialer Bedingtheiten minderwertigen Kinder." 
Das ist, wie Trüper seinerzeit sagte, die Bankrotterklärung des Schul- 
kasernismus. 
Dr. Sickinger sagt, so relativ leicht die Berücksichtigung der Schüler 
individualität im Einzelunterricht sei, so schwer sei der Forderung im Massen 
unterricht zu genügen. „Die Volksschule ist bekanntermaßen nicht in der Lage, 
minder tüchtige Elemente zurückzuweisen oder vor erfüllter Schulpflicht aus 
zuscheiden, sie muß vielmehr alle — mit Ausnahme völlig Bildungsunfähiger — 
behalten und soll die Gesamtheit ihrer Schutzbefohlenen in streng abgegrenztem 
zeitlichem Rahmen zur Arbeitstüchtigkeit erziehen." 
Wenn die höhere Schule auch dadurch im Vorteil ist, daß sie unbefähigte 
Schüler zurückweisen kann und die Entlassung nicht mit einem bestimmten Alter 
zu erfolgen hat und sie auch sonst noch manche der Volksschule abgehende Ver 
günstigungen besitzt, so befindet sie sich doch in ähnlicher Verlegenheit, da auch 
sie verschiedener Beanlagung, verschiedenen Interessen gerecht werden muß. So 
lange das Gymnasium noch das Monopol hatte, erreichte x /4 bis x /s der ein 
getretenen Schüler das Ziel der Anstalt, die große Mehrzahl mußte mit einer 
„verkümmerten und verkrüppelten" Bildung abgehen. Auch die nicht einem ge 
lehrten Berufe sich widmen wollten, sahen sich der damit verbundenen Vorteile 
wegen auf den Besuch des Gymnasiums angewiesen. Nun hat man mit der 
Teilung der dem höheren Unterricht gesetzten Aufgabe auf verschiedene Schulen 
statt „jedem dasselbe" „jedem das Seine" zu geben sich bemüht, für die ver 
schiedene Beanlagung, die verschiedenen Ziele und Interessen verschiedene Schulen 
gegründet. 
Was hat nun die Volksschule getan, und was kann sie noch tun, um der 
Forderung der Berücksichtigung der Individualität gerecht zu werden?
	        

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