Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Dispositionsschwankungen bei Kindern. 
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praktischen Schulleben forderten. Bezeichnend für den Ernst und die Wissen 
schaftlichkeit der ganzen Bewegung ist es, daß es gerade die führenden Köpfe 
sind, die ihr die Zügel anlegen. Neben den Anregungen Kröpelins zu 
neuen Untersuchungsmethoden steht seine scharfe Kritik, in welcher er die Resultate 
jeder neuen Methode auf ihre Exaktheit und praktische Verwendbarkeit prüft; 
und Ziehen warnt seine Hörer in den Vorlesungen über physiologische Psycho 
logie nachdrücklich vor der fast zur Mode gewordenen, voreiligen praktischen Ver 
wertung experimenteller Untersuchungen für die Pädagogik. Wenn sich daher 
auch die experimentell-didaktische Untersuchung in der Organisation des Mann 
heimer Volksschulwesens (die Sicking er von dem Gesichtspunkt der Arbeits 
fähigkeit der Kinder vorgenommen hat) bereits einen bedeutsamen praktischen 
Erfolg zusprechen kann, so wird man doch von ihrer exakten Beweisführung not 
wendiger Schulreformen nicht alles erhoffen dürfen, und zwar um deswillen, 
weil es wohl kaum jemals gelingen wird, eine Methode zu erfinden, die bei 
den komplizierten psychischen Vorgängen alle Fehlerquellen auszuscheiden oder 
mit zu berücksichtigen imstande wäre. 
Eine komplizierte Erscheinung bildete seinerzeit den Ausgangspunkt der Be 
wegung: die geistige Ermüdung. Um sie pädagogisch zu erfassen, bemühte 
sich die didaktische Untersuchung, eine sichere Grundlage für die Beurteilung der 
Arbeitsfähigkeit des Kindes in der Bestimmung der Grenze zwischen Leistungs 
fähigkeit und Ermüdung zu gewinnen. Lay*) hat nun experimentell nach 
gewiesen, daß die psychische Energie und das psychische Tempo, also die Leistungs 
fähigkeit jedes Kindes und jeder Klasse stündlichen, täglichen, wöchentlichen, 
monatlichen und jedenfalls auch jährlichen Schwankungen unterworfen ist. Er 
betrachtet aber diese Schwankungen als etwas Normales, da sie durch normale 
Ursachen hervorgerufen werden, z. B. durch das Ruhebedürfnis nach geistiger 
Arbeit, durch die Einflüsse der Jahreszeit, die fortschreitende Entwicklung, 
schwache körperliche Konstitution u. a. Ohne zu untersuchen, ob die Experimente 
und Resultate Lays exakt genannt werden können, ist zuzugeben, daß sich die 
einfache Erfahrung mit diesen Ergebnissen im großen und ganzen deckt. Jeder 
Berufspädagoge weiß aus Erfahrung, daß keineswegs immer die erste Stunde 
des Vormittagsunterrichts die für die Schul-Arbeit günstigste ist, daß sich in der 
Regel in der zweiten und dritten Stunde die geistigen Kräfte des Kindes am 
stärksten entfalten, daß gegen Mittag die geistige Aufnahmefähigkeit abnimmt, um 
sich im Verlaufe des Nachmittags nochmals zu steigern und alsdann wieder zu sinken. 
i) Experimentelle Didaktik. Ihre Grundlegung mit besonderer Rücksicht 
auf Muskelsinn, Wille und Tat. — Nemnich, Wiesbaden 1903, S. 406: Das Prinzip 
der Periodizität: Didaktische Experimente über psychische Energie, psychisches Tempo 
und ihre Wellenbewegung. — (S. 436; Experimente über Ermüdung und Leistungs 
fähigkeit.)
	        

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