Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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X. Abteilung. Abhandlungen. 
Es leuchtet ein, daß die normalen Schwankungen der Leistungsfähigkeit 
abnorme Veränderungen erleiden werden, sobald zu den normalen Ursachen 
anormale hinzutreten. Anormale Schwankungen zu verspüren, ist nun 
jedem Lehrer oft Gelegenheit geboten, aber nicht nur in der intellektuellen 
Leistungsfähigkeit, der psychischen Energie und dem psychischen Rhythmus, so.ndern — 
und das ist der Punkt, den die experimentelle Untersuchung 
bisher ganz ausgeschaltet hat — auch in dem körperlichen Be 
finden, dem Verhalten und Betragen des Kindes. 
Der Großstadtlehrer beobachtet bei seiner Tätigkeit, die ihre Regelung er 
fährt durch des Stundenplans gleichgestellte Uhr, an verschiedenen Tagen und 
zu verschiedenen Zeiten oft ein nicht erkennbaren Ursachen entspringendes Schwanken 
der Intensität und der Resultate seines Unterrichts und seiner Erziehung. Trotz 
gleich sorgfältiger Vorbereitung und anscheinend gleichen äußeren Bedingungen 
gelingt es nicht immer, in zwei entsprechenden Stunden, bei entsprechenden Ge 
legenheiten übereinstimmende oder ähnlich weitgehende Erfolge zu erzielen. Der 
Lehrer empfindet z. B. schon während des Unterrichts, daß der Unterrichtsgang 
schwerfälliger ist, als sonst, daß sich Wiederholungen und Erklärungen nötig 
machen, die sonst sicher und selbständig erfaßt werden, daß sich eine allgemeine 
Schlaffheit der Kinder durch kein Zuchtmittel heben läßt und es ihm unmöglich 
ist, die Gesamtheit der kindlichen Geister durch spontane Aufmerksamkeit unter 
seine Gewalt zu bringen; oder er beobachtet, daß trotz anscheinend leichterer 
Unterrichtsarbeit der Schlußerfolg die Erwartung täuscht. Sucht er die Ursache 
der beobachteten Unregelmäßigkeit zuerst bei sich selbst, so kommt er zu dem Er 
gebnis, daß seine persönliche Disposition zu seiner Unterrichts- und 
Erziehungsarbeit in einer bestimmten Stunde und in einem bestimmten Fache 
von ungewöhnlicher Bedeutung ist für den Erfolg seiner 
Arbeit, daß er aber durch Selbstzucht zu einem Ausgleich der persönlichen Ver 
fassungen kommen kann, je nach Alter, Gesundheit und gewohnter Selbstbeherrschung. 
Die nächste Ursache aber ist darin zu erkennen, daß die Disposition 
der Großstadtschüler zu bestimmten Geistesleistungen an ver 
schiedenen Tagen und zu verschiedenen Zeiten verschieden ist. 
Unter den Wochentagen ist in großen und wahrscheinlich auch in mittleren 
Städten der Montag für eine erfolgreiche Belehrung der ungünstigste. In 
den Berliner Gemeindeschulen ist dieses Verhältnis der „Montage" zu den 
übrigen Tagen der Woche zu verschiedenen Zeiten zwar verschieden, aber zu 
gleichen Zeiten ein übereinstimmend ungünstiges. Dieser Umstand deutet darauf 
hin, daß die Ursachen der Erscheinung im Durchschnitt die gleichen sein müssen. 
Bei näherer Beobachtung lassen sich die Ursachen in die eine zusammenfassen, daß 
für die Berliner Gemeindeschüler der Sonntag im Durchschnitt nicht ein Tag 
der Erholung, sondern der Überanstrengung, des Unmaßes oder des verkehrten
	        

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