Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Dispositionsschwankungen bei Kindern. 
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Genusses ist. Im einzelnen läßt sich in jeder Gemeindeschulklasse, die sich am 
Montag durch ein auffallend geringes Aufgelegtsein zum Unterricht, also durch 
eine die Unterrichts- und Erziehungsarbeit nachteilig beeinflussende Disposition 
auszeichnet, feststellen: x ) 
1. daß für die Mehrzahl der Kinder die Nachtruhe vom Sonntag zum 
Montag zu spät, erst gegen elf, zwölf, ja erst nach zwölf Uhr nachts begann; 
2. daß ein nicht geringer Prozentsatz der Schüler l' 1 /* bis 2 Stunden vor 
Schulanfang die Nachtruhe beendigen mußte, um Gänge zu besorgen oder 
Stellen zu versehen; 
3. daß für die Mehrzahl der Kinder die Sonntagserholung nicht in einem 
Körper und Geist erfrischenden Spaziergange, sondern im Spielen auf dem Hof, 
im andauernden Verweilen in der Wohnung oder endlich im stundenlang 
währenden Aufenthalt in großen Volksgärten bestand, wobei ein Unmaß im 
Naschen, Essen, Trinken, Schaukeln und Karussellfahren wohl für eine Über 
anstrengung, aber nicht für eine Erholung sorgte; 
4. daß ein erstaunlich hoher Prozentsatz der Kinder am Sonn- oder Fest 
tage Bier oder Alkohol in anderer Form genossen hat. 
Kein Tag der Woche zeichnet sich durch eine ähnliche Reichhaltigkeit kindlicher 
Vergnügungen aus, wie der Sonntag oder Festtag. Am darauffolgenden 
Montage sind die Folgen nur zu deutlich zu spüren. Die Überanstrengungen in 
der Erholung haben einige Schüler so mitgenommen, daß sie entweder dem 
Unterricht fern bleiben oder während desselben an einer Magenverstimmung 
erkranken. Sieht man von diesen Kindern ab, so bleibt noch eine große Zahl, 
die die Freuden des vergangenen Tages mit einer unüberwindbaren Müdigkeit 
bezahlt. Diese Kinder sind schlaff und matt in Haltung und im Denken, sind 
energielos, können sich nicht konzentrieren und fertigen in der Regel Probearbeiten 
schlechter an, als an anderen Wochentagen, sodaß sich an verschiedenen Schulen 
Berlins, als die Versetzungsprüfungen noch in vollem Umfange abgehalten 
wurden, stillschweigend die Praxis herausgebildet hatte, an Montagen mit der 
Prüfung nicht zu beginnen. An solchen Montagen kann es geschehen, daß oft 
ein großer Aufwand an pädagogischer Kunst nur eine geringe geistige Förderung 
der Kinder erzielt, während an günstigeren Tagen ein einfaches, an pädagogischen 
Fehlern vielleicht reiches Verfahren spielend Herr der Geister wird. 
i) Trotz aller angewandten Vorsicht sind die Angaben der Kinder bei diesen Fest 
stellungen unzuverlässig; die gefundenen Prozentzahlen können also nicht als absolute 
gelten, und nur die bei den verschiedenen Fesfftellungen gewonnene gleiche Tendenz 
der Prozentwerte hat Bedeutung. Ich unterlasse es daher absichtlich, hier genaue 
Prozentangaben zu veröffentlichen, und begnüge mich damit, die von mir in verschiedenen 
Berliner Volksschul- und Nebenklassen jahrelang systematisch gesammelten Prozentsätze 
als außerordentlich hoch zu bezeichnen. 
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