Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
Überschaut man die Tage des Jahres, so erkennt man, daß auch noch längere 
Zeitperioden andauernd Höhepunkte übermäßigen Vergnügens und entsprechende 
Dispositionstiefpunkte in der Schule bieten. In den Zeiten der Eisfeste, 
der Maskenbälle und der Erntefeste werden seitens vieler großstädtischer 
Familien Belustigungen aller Art ohne Maß und Ziel genossen, und in diesen 
Zeiten ist die Disposition vieler Volksschüler wochenlang eine für die Schul 
arbeit nicht besonders günstige. 
Der Großstadtlehrer beobachtet also, daß die Leistungsfähigkeit 
des Großstadtkindes infolge großstädtischer Ursachen viel be 
deutenderen Schwankungen ausgesetzt ist, als die des Land- 
und Kleinstadtkindes. Er beobachtet aber auch, daß die Mehrzahl der 
normalen Schüler die Tiefpunkte der Stimmung oder Disposition rasch ver 
windet, wenn auch im stillen zu befürchten ist, daß das Zehren von dem 
Kapital an Nervenkraft doch einmal bei einigen Kindern mit einem Bankerott 
endigen wird. 
In Normalschulen lassen auch die ersten Schultage nach längeren 
Ferien den spezifischen Montagscharakter erkennen. Die Zügelung der bisher 
genosienen Freiheit, der Zwang zu einer streng geregelten Tätigkeit und einem 
disziplinierten Verhalten bedrücken eine Zeitlang das Kindergemüt, und zwar 
stärker oder schwächer je nach der Eigenart der Naturen; der psychische Mechanis 
mus setzt wohl auch an sich der bestimmt gerichteten geistigen Arbeit einigen 
Widerstand entgegen und fordert Zeit und Kraft, um sich wieder geläufig in 
den gewohnten Bahnen zu bewegen. 
In beiden Fällen, sowohl an den „Montagen", als an den ersten Schul 
tagen nach den Ferien, ist die Unstimmung der Schüler einer großstädtischen 
Normalklaffe eine Allgemeinerscheinung und darum für die pädagogische Tätigkeit 
des Lehrers, seine Arbeit und seine Erfolge, von größerer Bedeutung als die 
bei einzelnen Kindern zu beobachtenden Indispositionen. Diese 
letzteren, welche Gang und Intensität des Unterrichts in weit geringerem Maße 
beeinflussen, dagegen hohe Anforderungen an die individualisierende Beobachtung, 
Belehrung und Erziehung stellen, zeigen sich bei Kindern, die krank werden, krank 
gewesen sind, die sich durch häusliche Feste (Geburtstagsfeiern rc.) im Genuß 
überanstrengt haben und mit außerordentlichen Ereignissen des Elternhauses oder 
der Schule beschäftigt sind; in höheren Schulen vor und nach Prüfungen, nach 
Zeiten der Überarbeitung, während der zweiten körperlichen Entwicklungsperiode 
(im 12.—15. Lebensjahre) und ihren zum Teil regelmäßig wiederkehrenden 
Folgewirkungen. 
Wenn die Erscheinungen der Dispositionsschwankung bei dem normalen 
Kinde im Durchschnitt auch zu den Seltenheiten gehören, so ist es doch Pflicht 
des Lehrers und Erziehers, die anvertrauten Schüler auf ihre Disposition genau
	        

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