Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Sprachliche Plaudereien. 
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Jahr. Sich graue Haare wachsen lassen. Einem ans Herz gewachsen sein, sehr 
geliebt werden. Einem Unternehmen gewachsen sein, befähigt sein, es zu leiten. 
Er war der Lage gewachsen. Über den Kopf wachsen, übermächtig werden. Oder 
man braucht das Wort auch im freieren Sinne: eine Zahl wächst. Die Einwohner 
zahl der Stadt wächst. DaS Wort des Herrn wuchs und nahm überhand. 
Apg. 19. 
Der Zustand des Wachsens heißt Wachstum. Die neuen Anlagen stehn 
in fröhlichem Wachstum. Aber auch der Erfolg des Wachsens kann Wachstum 
genannt werden. Ein Winzer setzt dem Gaste gern ein Glas vom eigenen 
Wachstum vor. 
Das Wachstum und seine Art bezeichnet man mit Wuchs. In vollem 
Wüchse stehn. Ein Mann von hohem Wuchs. Was nach seiner Natur, der 
leiblichen oder geistigen, gewachsen ist, ist naturwüchsig. Und etwas, was 
nach einem vorhergehenden als Nachkommenschaft erwächst, wird Nachwuchs 
genannt. Was wachsend entsteht, ist ein Gewächs. Statt Pflanzenreich sagt 
man auch Gewächsreich. 
Mit wachen und wachsen hängt auch Wucher zusammen. Früher hatte 
das Wort ein langes, jetzt ein kurzes u. Der alte Sinn geht vom Wachsen 
des Besitzes aus, bezeichnete also Ertrag, Zuwachs, Zunahme, Gewinn und also 
auch Zins. So sagt man, wenn das Unkraut sehr ins Kraut schießt, also 
zunimmt, es wuchert an. Wucherblume. Das Wachsen einer Wunde oder eines 
Geschwürs durch neue Bildungen bezeichnet der Arzt als Wucherung. Auch sonst 
finden wir das Wort ohne Übeln Sinn. Luk. 19: Warum hast du denn mein 
Geld nicht in die Wechselbank gegeben? und wenn ich gekommen wäre, hätte 
ich's mir mit Wucher — also mit dem Zuwachs — erfordert. Jetzt ist der 
Sinn eingeengt; er bezeichnet einen übermäßigen Gewinn durch unerlaubte Höhe 
der Zinsen unter Benutzung der Notlage eines Menschen. Hierher gehören 
Ausdrücke wie Wucherer, wuchern, wucherisch. Wucher treiben. Übertragen ivendet 
man Wucher an, wenn man sagt, ein Frauenzimmer treibe mit seinen Reizen 
Wucher. 
Endlich wollen wir noch in andere Sprachen hinübersehen zu Verwandten 
von wachen und wachsen, die zu uns herübergekommen sind. Da haben wir einen 
lateinischen Verwandten in vigil wach, vigilia, das Wachsein, die Nachtwache 
der Mönche zum Gebet, vigilars wachen. Unsere Polizeibeamten werden ersucht, 
auf steckbrieflich verfolgte Leute zu vigilieren, d. h. wachsam auf sie zu achten. 
Frz. vegetadls wachsend, grün, vsgetal, was Leben und Wachstum hat, was 
von Pflanzen stammt; Vegetation, das Wachstum, die Vegetation; 1s8 vegstanx 
die Gewächse. Und die Leute, die sich bei der Ernährung wesentlich auf die 
Gewächse beschränken, sollen als Vegetarier den Beschluß machen. 
Wohnen, gewohnt, Wonne. Wunsch. 
Diesen Wörtern liegt dieselbe Wurzel zugrunde. Zwei alte Wörter sind 
das Adjektiv giwon und das Mittelwort gewont. Von diesen ist nur 
gehont auf uns gekommen. Das Zeitwort gewöhnen, vertraut werden 
mit etwas, Gewohnheit bekommen, gewohnt sein oder werden, ist jetzt nicht mehr 
gebräuchlich. Man sagte ehemals: eines Dinges gewöhnen; er konnte nicht der 
dumpfen Luft gewöhnen. Das Wort findet sich noch in Drucken von 1773.
	        

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