Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Sprachliche Plaudereien. 
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wort) gewöhnen lebt aber jetzt noch fort. Jemand durch bewußte Einwirkung 
an etwas gewohnt machen. Wir zählen dazu auf: Gewöhnung, angewöhnen, 
abgewöhnen, verwöhnen --- schlecht gewöhnen oder auch verzärteln. Entwöhnen, 
ein Kind an andere Nahrung als Muttermilch gewöhnen. Die Formen gewohnt 
und gewöhnt werden jetzt nicht selten verwechselt. — Zum alten givon gehört 
Gewohnheit und gewöhnlich, das, was dem Gewohntsein, dem Gebrauch 
und dem Herkommen entspricht. Bei letzterem Worte ist recht auffällig, wie seine 
Bedeutung in gewissen Verbindungen gesunken ist: eine gewöhnliche Sprache, ein 
gewöhnliches Verhalten, eine gewöhnliche Denkart, ein gewöhnlicher Mensch, 
gewöhnliche Manieren. Dasselbe Sinken kann man beobachten bei gemein und 
ordinär. 
Zahlreich. 
Reich bedeutete früher mächtig, später wie jetzt viel besitzend im Gegensatz 
von arm, jetzt bei Dingen auch wohl: Besitz anzeigend, kostbar hergestellt 
— reiche Kleidung, reiche Ausstellung —, oder auch: in Fülle vorhanden — 
goldreich, kinderreich, fischreich usw. In steinrich ist bei dem Worte Stein an 
seine Bedeutung als Gewicht oder Last zu denken. Flachs kaufte man nach 
schwerem oder leichtem Stein zu 10 oder 5 Pfund. 
Zahlreich ist in Wörterbüchern als Adjektiv bezeichnet, wirb aber mitunter 
auch als Umstandswort verwendet. Die Gäste hatten sich zahlreich eingefunden. 
Der Gebrauch des Wortes hat seit einer Reihe von Jahren sehr zugenommen, 
besonders in den Zeitungen, wo es vielfach als unbestimmtes Zahlwort in dem 
Sinn von viele oder manche auftritt. Läßt sich diese Verwendung rechtfertigen 
oder empfehlen? 
In folgenden Beispielen erscheint zahlreich in richtiger Anwendung als 
Eigenschaftswort: ein zahlreicher Adel, Stand, Zug, Schwarm; eine zahlreiche 
Flotte, Besatzung, Bibliothek, Gesellschaft, Leichenbegleitung. Menge, Versammlung, 
Bevölkerung; ein zahlreiches Heer, Volk, Gefolge, Publikum. Alle diese Aus 
drücke lassen sich auch in der Mehrzahl verwenden, wenn nur das Dingwort 
einer Mehrzahl fähig ist. Ferner wolle man beachten, daß alle hier stehenden 
Dingwörter zu den Sammelnamen gehören. 
Die folgenden Beispiele sind fast alle den Lokalnachrichten der Zeitungen 
entnommen: ein Buch mit zahlreichen Versuchen. Im Kohlenoxyd erstickten 
zahlreiche Personen. Dafür gibt es zahlreiche Beispiele. In zahlreichen Fällen 
bringen Brandts Schweizerpillen Erleichterung oder Heilung. Es erfolgten 
zahlreiche Bravos. Uber den strengen Schulzwang beschweren sich zahlreiche 
Familienväter. In unserer Stadt gibt es zahlreiche Wirtshäuser. Zahlreiche 
Menschen sind der Katastrophe zum Opfer gefallen. Man befürchtet, daß zahl 
reiche Menschen umgekommen sind. Eine Zuschauertribüne stürzte ein und begrub 
zahlreiche Personen unter sich. Zahlreiche Zeugen sind geladen. Zahlreiche 
Vertreter der Behörden. Man wandle diese Ausdrücke so um, daß das mit 
zahlreich verbundene Dingwort in der Einzahl erscheint, sofort springt in die 
Augen, daß die Verwendung des Wortes zahlreich statt manche oder viele 
bedenklich ist und sich nicht besonders empfehlen läßt. 
Je mehr die Verwendung von zahlreich für manche oder viele überhand 
nimmt, desto mehr unterliegen selbst ganz richtige Sätze leicht einem Miß 
verständnis. „Das Buch erlebte zahlreiche Auflagen" besagt in der Tat, wenn 
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