Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

138 II. Abteilung. Zur Geschichte des Schulwesens rc. 
wenn es Kraft genug besitzt, oder rechtzeitig die Hilfe Gottes anruft, sonst zunr 
unvermeidlichen Verderben. Damit kommt man konsequent zu dem strengen 
Augustinismus, oder Calvinismus, der einen kleinen Teil der Menschheit durch 
einen besonderen Gnadenrat zu ihren Gunsten rettet, die Großzahl aber unfehlbar 
dem zeitlichen und ewigen Verderben entgegenreifen läßt. In einer so gestalteten 
Welt zu leben, ist aber selbst für die, welche aus diesem furchtbaren Gerichte 
gerettet werden, eine zweifelhafte Wohltat. Die Theologen der Dordrechter Synode 
erfanden sogar die seltsame Behauptung, daß ein Teil der Menschen von Ewigkeit 
her, wie sie sich ausdrückten, schon vor dem Sündenfall zum ewigen Verderben 
bestimnlt gewesen sei. Für diese wäre in der Tat das Geborenwerden ein recht 
trauriges Geschick. Lassen Sie sich durch solche müßige Spekulation nicht den 
gesunden Sinn für Erziehung und Verbesierung aller Menschen beeinträchtigen, 
sondern halten Sie sich an das, was in den Evangelien und wo möglich in den 
Worten des Herrn selber steht. Es bleibt auch so noch da und dort Ane 
Schwierigkeit, aber eine solche, die nach und nach bei aufrichtigem guten Willen 
verschwindet. Das Sonderbarste in dem Wesen des Christentums, woran daher 
auch manche Personen Anstoß nehmen, die es nicht aus eigener Erfahrung kennen, 
ist die Verbindung eines Glaubens an Übernatürliches und sonst Ungewöhnliches 
mit einer ganz nüchternen Verständigkeit in der allgemeinen Anlage und Geistes 
richtung. Ohne das „mystische" Element ist keine Religion vorhanden, sondern 
nur eine mehr oder weniger oberstächliche Moral, ohne die Kraft ihr zu folgen. 
Ohne die verständige Charakteranlage hingegen, die wir auch an unserem Herrn 
selber bemerken, verliert sich die Religion leicht in die täuschenden Irrgärten der 
menschlichen Phantasie. Theoretisch ist das Verhältnis der beiden sich gegenseitig 
ergänzenden und kontrollierenden Elemente nicht darzustellen; aber praktisch ist der 
Weg mit Hilfe Gottes und in seiner Führung vorhanden, von dem schon das 
Alte Testament vorhersagt: „Es wird einst eine Bahn sein und ein Weg, welcher 
der heilige Weg heißen wird, weil kein Unreiner darauf gehen darf, ein Weg, 
auf dem auch die Einfältigen nicht irren können (Jesaias 35, 8.) Dieser Weg 
ist jetzt da; was dazu erforderlich ist und was nicht, seitens dessen, der ihn gehen 
soll, ist deutlich gesagt, und wer ihn nicht gehen will, oder immer noch einen 
andern sucht, tut es auf seine Gefahr. Er verliert sein Leben, das Beste, was 
er aus ihm hätte machen können, ohne einen hinreichenden Ersatz dafür zu bekommen. 
Dessen seien Sie nur gewiß. Es haben es schon viele hochbegabte Leute erlebt 
und am Schluffe ihres Lebens schmerzlich eingesehen. 
Auf diesen gegebenen Weg, für den es nie und nirgends einen noch befferen 
Ersatz geben wird, müssen Sie Ihre Kinder so gut es eben vorläufig gehen will, 
hinlenken, das ist die größte Wohltat, die Sie ihnen durch Erziehung erweisen 
können. 
Die praktische Lebensführung, ist, Gott sei Dank, viel einfacher, als die 
komplizierte wissenschaftliche Theologie und die mit Formen verbundene konfessionelle 
Kirchlichkeit, wie sie sich historisch gestaltet hat. Es ist die göttliche Gnade, welche 
den Menschen aus dem bloß tierischen Leben zu einer höheren Lebensweise beruft, 
und wenn er sich ihr ergibt, auch auf verschiedenen Wegen und Stufen dahin 
führt. Aber der Mensch muß für so etwas Sinn haben, diese Gnade wünschen 
und annehmen, sie nicht von sich weisen, oder freventlich mißbrauchen, — was er 
alles verniöge seines freien Willens kann — und nach und nach immer mehr in 
sie hineinwachsen, so daß er ihr immer gleichförmiger wird. Das ist das Wesentliche
	        

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