Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
I. 
Wie schon sein Vorname vermuten läßt, stammte Immanuel Kant aus 
einem bewußt frommen Hause. Er selbst bestätigt, daß seine Eltern Pietisten 
gewesen seien. So gründlich er sich später von dem Pietismus als Welt 
anschauung abgewandt hat, so pietätvoll zeichnet er doch das fromme Charakter 
bild seirW Eltern und bezeugt dem echten Pietismus seine aufrichtige Hoch 
achtung. „Ein die Armut wahrhaft verklärender Schimmer ging vom Wesen 
des^dlen Elternpaares aus," erzählt Dr. Apel in seinem schönen Gedenkblatt 
Immanuel Kants. „Von meinem Stammbaum, sagt Kant selbst, kann ich auch 
weiter nichts rühmen, als daß meine beiden Eltern (aus dem Handwerkerstand) 
in Rechtschaffenheit, sittlicher Anständigkeit und Ordnung musterhaft, ohne ein 
Vermögen (aber doch auch keine Schulden) zu hinterlassen, mir eine Erziehung 
gegeben haben, die von der moralischen Seite gar nicht besser sein konnte und 
für welche ich bei jedesmaliger Erinnerung an dieselbe mich mit dem dankbarsten 
Gefühl gerührt finde." Wie andere große Männer, so verband auch Kant eine 
innige Herzensgemeinschaft mit der Mutter. „Meine Mutter", so äußerte er sich 
oftmals gegen Jachmann, „war eine liebreiche, gefühlvolle, fromme und recht 
schaffene Frau und eine zärtliche Mutter, welche ihre Kinder durch fromme 
Lehren und durch ein tugendhaftes Beispiel zur Gottesfurcht leitete. Sie führte 
mich oft außerhalb der Stadt, machte mich auf die Werke Gottes aufmerksam, 
ließ sich mit einem frommen Entzücken über seine Allmacht, Weisheit und Güte 
aus und drückte in mein Herz eine tiefe Ehrfurcht gegen den Schöpfer aller 
Dinge. Ich werde meine Mutter nie vergessen; denn sie pflanzte und nährte 
den ersten Keim des Guten in mir, sie öffnete mein Herz den Eindrücken der 
Natur; sie weckte und erweiterte meine Begriffe, und ihre Lehren haben einen 
immerwährenden, heilsamen Einfluß auf mein Leben gehabt". Wenn der große 
Mann von seiner Mutter sprach, dann glänzte sein Auge, und jedes seiner Worte 
war der Ausdruck einer herzlichen und kindlichen Verehrung." Waren auch, 
sagt er wieder selbst, „die religiösen Vorstellungen der damaligen Zeit und die 
Begriffe von dem, was man Tugend und Frömmigkeit nannte, nichts weniger 
als deutlich und genügend, so fand man doch wirklich die Sache. Man sage 
dem Pietismus nach, was man will, genug, die Leute, denen er ein Ernst 
war, zeichneten sich auf eine ehrwürdige Weise aus. Sie besaßen das Höchste, 
was der Mensch besitzen kann, jene Ruhe, jene Heiterkeit, jenen inneren Frieden, 
der durch keine Leidenschaft beunruhigt wurde. Keine Not, keine Verfolgung 
setzte sie in Mißmut, keine Streitigkeit war vermögend, sie zum Zorn und zur 
Feindschaft zu reizen. Mit einem Worte, auch der bloße Beobachter wurde 
unwillkürlich zur Achtung hingeriffen. Noch entsinne ich mich, wie einst zwischen 
dem Riemer- und Sattlergewerke Streitigkeiten über ihre gegenseitigen Gerecht- 
ame ausbrachen, unter denen auch mein Vater wesentlich litt: aber dessen-
	        

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