Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Immanuel Kants Religion. 
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radikales, angeborenes (nichtsdestoweniger aber uns von uns zugezogenes) 
Böse in der menschlichen Natur nennen können." 
„Daß nun ein solcher verderbter Hang im Menschen gewurzelt sein müsse, 
darüber können wir uns, bei der Menge schreiender Beispiele, welche uns die 
Erfahrung von den Taten der Menschen vor Augen stellt, den förmlichen 
Beweis sparen." Es zeigt sich ebensosehr in dem sogenannten Naturzustände, 
„in welchem manche Philosophen die natürliche Gutartigkeit der menschlichen 
Natur vorzüglich anzutreffen hofften," als auch im Kulturzustande, „worin 
sich ja die Anlagen der menschlichen Natur vollständig haben entwickeln können, 
und aus dem man grade eine lange melancholische Litanei von Anklagen der 
Menschheit wird anhören müssen; von geheimer Falschheit, selbst bei der innersten 
Freundschaft, so daß die Mäßigung des Vertrauens in wechselseitiger Eröffnung 
auch der besten Freunde zur allgemeinen Maxime der Klugheit im Umgang 
gezählt wird, von einem Hange, denjenigen zu hassen, dem man verbindlich ist, 
worauf ein Wohltäter jederzeit gefaßt sein müßte; von einem herzlichen Wohl 
wollen, welches doch die Bemerkung zuläßt, es sei in dem Unglück unserer 
Freunde etwas, das uns nicht ganz mißfällt; und von vielen andern unter dem 
Tugendscheine noch verborgenen, geschweige derjenigen Laster, die ihrer garnicht 
hehl haben, weil uns der schon gut heißt, der ein böser Mensch von der 
allgemeinen Klasse ist;" und er wird „an den Lastern der Kultur und 
Zivilisierung (den kränkendsten unter allen) genug haben, um seine Augen lieber 
vom Betragen der Menschen abzuwenden, damit er sich nicht selbst ein anderes 
Laster, nämlich den Menschenhaß, zuziehe." 
Fragt man nun weiter nach dem Grund des Bösen, so kann er weder 
in der Sinnlichkeit der Menschen, und den daraus entspringenden 
natürlichen Reizungen, noch in einer Verderbnis der moralisch gesetz 
gebenden Vernunft gesetzt werden. Vielmehr „ist der Mensch (auch der 
beste) nur dadurch böse, daß er die sittliche Ordnung der Triebfedern, in der 
Ausnehmung derselben in seine Maximen, umkehrt: das moralische Gesetz 
zwar neben dem der Selbstliebe in dieselbe aufnimmt: da er aber inne wird, 
daß eines neben dem andern nicht bestehen kann, sondern eins dem andern als 
seiner obersten Bedingung untergeordnet werden müffe ... er die Triebfedern 
der Selbstliebe und ihre Neigungen zur Bedingung der Befolgung der ersteren 
in die allgemeine Maxime der Willkür als alleinige Triebfeder aufgenommen 
werden sollte." — Darf man also die Bösartigkeit der menschlichen Natur nicht 
Bosheit im strengen Sinne des Worts nennen, vielmehr Verkehrtheit 
des Herzens, so ist doch das Ergebnis der Betrachtung sehr niederschlagend: 
es „möchte wohl von Menschen allgemein wahr sein, was der Apostel sagt: Es 
ist hier kein Unterschied, sie sind allzumal Sünder — es ist keiner, der Gutes 
tue, (nach dem Geist des Gesetzes) auch nicht einer."
	        

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