Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

152 
l. Abteilung. Abhandlungen. 
Noch tiefer verfolgt der scharfe Denker die Wurzel des Bösen und stellt 
die Frage nach seinem Ursprung, die er schließlich so beantwortet: „Wir 
können nicht nach dem Zeitursprunge, sondern müssen bloß nach dem Vernunft 
ursprung der bösen Tat fragen, um danach den Hang, d. i. den subjektiven 
allgemeinen Grund der Ausnehmung einer Übertretung in unsre Maxime, wenn 
ein solcher ist, zu bestimmen und womöglich zu erklären." „Die Schrift macht 
diesen Vernunftursprung in einer Geschichte vorstellig, durch die das gedanken- 
mäßige Erste als das zeitlich Erste erscheint. Nach ihr fängt das Böse nicht 
von einem zum Grunde liegenden Hange zu demselben an, weil sonst der 
Anfang desselben nicht aus der Freiheit entspringen würde, sondern von der 
Sünde (worunter die Übertretung des moralischen Gesetzes als göttlichen 
Gebotes verstanden wird); der Zustand des Menschen aber vor allem Hange 
zum Bösen heißt der Stand der Unschuld. Dem moralischen Gesetz ging, wie 
es auch beim Menschen als einem nicht reinen, sondern von Neigungen versuchten 
Wesen sein muß, das Verbot voraus (1. Mose 2, 16. 17). Anstatt nun 
diesem Gesetze als hinreichender Triebfeder (die allein unbedingt gut ist, wobei 
auch weiter kein Bedenken stattfindet), geradezu zu folgen, sah sich der Mensch 
doch noch nach andern Triebfedern um (3, 6), die nur bedingterweise (nämlich 
sofern dem Gesetze dadurch nicht Eintrag geschieht) gut sein können, und machte 
es sich, wenn man die Handlung als mit Bewußtsein aus Freiheit entspringend 
denkt, zur Maxime, dem Gesetze der Pflicht, nicht aus Pflicht, sondern auch 
allenfalls aus Rücksicht auf andere Absichten zu folgen. Mithin fing er damit 
an, die Strenge des Gebotes, welches den Einfluß jeder andern Triebfeder 
ausschließt, zu bezweifeln, hernach den Gehorsam gegen dasselbe zu einem bloß 
(unter dem Prinzip der Selbstliebe) bedingten eines Mittels herabzuvernünfteln, 
woraus dann endlich das Übergewicht der sinnlichen Antriebe über die Triebfeder 
aus dem Gesetz in die Maxime zu handeln aufgenommen und so gesündigt 
ward. Mutato nomine de te fabula narratur (3, 6). (Die Geschichte 
betrifft dich, nur unter anderm Namen.) Daß wir es täglich ebenso machen, 
mithin in Adam alle gesündigt haben und noch sündigen, ist aus dem Obigen 
klar; nur daß bei uns schon ein angeborner Hang zur Übertretung, in dem 
ersten Menschen aber kein solcher, sondern Unschuld der Zeit nach vorausgesetzt 
wird, mithin die Übertretung bei diesem ein Sündenfall heißt, statt, daß sie bei 
uns als aus der schon angeborenen Bösartigkeit unserer Natur erfolgend vor 
gestellt wird." 
„Der Vernunftursprung aber dieser Verstimmung unsrer Willkür in 
Ansehung der Art, subordinierte Triebfedern zu oberst in ihre Maxime aufzu 
nehmen, d. i. dieses Hanges zum Bösen, bleibt uns unerforschlich, weil er 
selbst uns zugerechnet werden muß." „Diese Unbegreiflichkeit, zusammt der 
näheren Bestimmung der Bösartigkeit unserer Gattung, drückt die Schrift in der
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.