Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

Immanuel Kants Religion. 
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Geschichtserzählung dadurch aus, daß sie das Böse zwar im Weltanfange, doch 
noch nicht im Menschen, sondern in einem Geiste von ursprünglich erhabener 
Bestimmung voranschickt; wodurch also der erste Anfang alles Bösen überhaupt 
als für uns unbegreiflich (denn woher kam bei jenem Geist das Böse?), der 
Mensch aber nur als durch Verführung ins Böse gefallen, also nicht von Grund 
aus (selbst der ersten Anlage zum Guten nach) verderbt, sondern als noch einer 
Besserung fähig vorgestellt und so ihm, der bei einem verderbten Herzen doch 
immer noch einen guten Willen hat, Hoffnung einer Wiederkehr zu dem Guten, 
von dem er abgewichen ist, übrig gelassen wird." 
Das ist Kants Lehre vom radikalen Bösen. Wieviel des 
positiv Christlichen darin enthalten ist, möge der Leser selbst beurteilen. Jeden 
falls empfanden die hochgemuten Geister seiner Zeit, die gerade der Antike lebten, 
ein Goethe an der Spitze, diese Anschauung als etwas spezifisch Christliches 
und waren nichts weniger als erbaut davon. Goethe schrieb 1793 an Herder, 
Kant habe seinen „philosophischen Mantel, nachdem er ein langes Menschenleben 
gebraucht, ihn von mancherlei sudelhaften Vorurteilen zu reinigen, freventlich mit 
dem Schandfleck des radikalen Bösen beschlabbert, damit doch auch Christen 
herbeigelockt würden, den Saum zu küssen." Schiller fand zwar auch den 
selben Satz vom radikalen Bösen „empörend" für sein „Gefühl", meint aber, 
gegen Kants Beweise lasse sich nichts einwenden, „so gern man auch wolle." 
2. „Der philosophischen Religionslehre zweites Stück" 
handelt sodann „von dem Kampf des guten Prinzips mit dem 
bösen um die Herrschaft über den Menschen." Der Gedankengang 
dieses Kapitels zielt auf das, was wir nach der Heiligen Schrift und der christ 
lichen Glaubenslehre Erlösung oder Gnade nennen. Der Philosoph braucht sich 
ja freilich nicht um die überlieferten Schemata der Dogmatik zu kümmern, aber 
hat er grundlegend das Kapitel von der Sünde mit solch eindringendem Ernst 
behandelt, so müßte nun auch die Veranstaltung zur Beseitigung der Sünden 
herrschaft abgehandelt werden. Darin hindert unsren scharfsinnigen Denker nicht 
jener seichte Optimismus der antiken sokratisch-stoischen Ethik, die da meinte, 
die Torheit des Bösen durch die Erkenntnis und Weisheit des Guten hin 
reichend bekämpfen und überwinden zu können, da er vielmehr die Wahrheit der 
schärferen Unterscheidung der christlichen Moral, die das Gute und Böse, das 
Reich des Lichts und der Finsternis durch eine unermeßliche Kluft voneinander 
getrennt vorstellig macht, ausdrücklich anerkennt. Wohl aber hindert ihn 
an einem weiteren Mitgehen mit der christlichen Glaubenslehre der rationalistische 
Horror vor dem Historischen, den'wir schon von Lessing her so wohl 
kennen. „Zufällige Geschichtswahrheiten können nicht der Beweis für ewige Vernunft 
wahrheiten werden", dieser Kanon beherrscht auch das Denken des großen Königs 
bergers. Die Religion auf eine Heilsgeschichte zu gründen war ihm also
	        

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