Full text: Evangelisches Schulblatt - 49.1905 (49)

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I. Abteilung. Abhandlungen. 
unmöglich. Eine positive Offenbarung Gottes in der Geschichte kannte er nicht, 
wenigstens nicht eine solche im biblischen Sinne, sondern nur eine rationale in 
Natur, Vernunft und Gewissen. Darum wußte er mit den Heilstaten Gottes, 
dem Erlösungswerk selbst nichts Rechtes anzufangen. 
Dennoch war ihm Jesus weit mehr als bloßer Tugendlehrer und 
Beispiel. Er war ihm die personifizierte Idee des guten Prinzips. 
Die Menschheit in ihrer moralischen ganzen Vollkommenheit 
ist in ihm verkörpert. Dieses „Ideal der Gott wohlgefälligen Menschheit" „ist 
in Gott von Ewigkeit her": „die Idee desselben geht von seinem Wesen aus; 
er ist insofern kein geschaffenes Ding, sondern sein eingeborener Sohn, das 
Wort (das Werde!) durch welches alle andern Dinge sind und ohne das nichts 
existiert, was gemacht ist; denn um feinet- d. h. des vernünftigen Wesens in 
der Welt willen, sowie es seiner moralischen Bestimmung nach gedacht werden 
kann, ist alles gemacht. — Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit. — In ihm 
hat Gott die Welt geliebt, und nur in ihm und durch Annehmung seiner Ge 
sinnung können wir hoffen, Kinder Gottes zu werden usw." Seine Gesinnung 
können wir aber nicht aus uns selbst annehmen; der von Natur böse Mensch 
kann das Böse nicht von selbst ablegen und sich zum Ideal der Heiligkeit 
erheben, vielmehr hat das letztere die Menschheit, die für sich nicht böse ist, 
angenommen und sich zu ihr herabgelassen. Jenes Urbild der sittlichen 
Gesinnung ist vom Himmel zu uns herab gekommen; der Sohn Gottes hat 
sich erniedrigt. 
„Im praktischen Glauben an diesen Sohn Gottes", der alle 
Leiden und Hindernisse der moralischen Gesinnung um des Weltbesten willen 
übernommen und siegreich bestanden hat, „kann nun der Mensch hoffen, Gott 
wohlgefällig (dadurch auch selig) zu werden." 
Wie aber sollen wir nun dieses Ideal in unser Leben aufnehmen, wie der 
Forderung entsprechen: „Seid heilig in eurem Lebenswandel, wie euer Vater im 
Himmel heilig ist," da doch „die Entfernung des Guten, was wir in uns 
bewirken sollen, von dem Bösen, wovon wir ausgehen, unendlich ist," jenes 
Ideal also für uns unerreichbar ist? „Gleichwohl soll die sittliche Beschaffenheit 
des Menschen mit ihr übereinstimmen. Sie muß also in die Gesinnung, 
in die allgemeine und lautere Maxime der Übereinstimmung des Verhaltens mit 
demselben als dem Keim, woraus alles Gute entwickelt werden soll, gesetzt 
werden, die von einem heiligen Prinzip ausgeht, welches der Mensch in seine 
oberste Maxime aufgenommen hat." Diese neue Gesinnung kann für die 
Tat gelten, weil der Herzenskündiger in seiner reinen intellektuellen Anschauung 
den Fortschritt der Tat aus der Gesinnung ins Unendliche überblickt, weil wir 
also in dem unveränderten „Trachten nach dem Reiche Gottes" dieses Reich 
tatsächlich schon besitzen.
	        

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